Alexander Ruhe: Zwei zu Unrecht vergessene Frankfurter. März 2011

Biografien Bill Groenke und  Hermann Stickelmann.     

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Kriegsheld, Revolutionär, Fussballstar, Resistance-Kämpfer, Barbie-Opfer und später Barbie-Jäger, all dies war Bill Groenke. Im Juli 1893 wurde er, noch als Wilhelm Groenke, in Bockenheim geboren (1893 nach seinen eigenen Angaben, aus seinen Militärpapieren geht aber 1896 hervor). Gleich mit Kriegsausbruch 1914 meldete er sich freiwillig an die Front und er war unter den ersten Frankfurtern, die mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurden. Noch 1914 wurde er schwer verwundet und nach Deutschland zurückgebracht, wo er 1916 der Marine-Werft in Wilhelmshaven zugeteilt wurde. Da seine Verletzungen nicht ausheilten, wurde er 1917 zur Kur bei einem Onkel, der in Davos-Dorf in der Schweiz ein Hotel unterhielt, freigestellt.

Hier lernte er die deutschen Friedensaktivisten rund um den Dichter Klabund kennen und er wurde Mitglied der Friedensliga und „ein überzeugter Gegner des preußischen Militarismus“. Nach Zürich übergesiedelt, hörte er dort Lenin und Trotzki auf Kundgebungen sprechen und er stand unter der Menschenmenge, die Lenin auf dem Züricher Bahnhof verabschiedete, als dieser sich im verplombten Wagon nach Deutschland (Schweden) aufmachte. Am 01.November 1918 erhielt er den Befehl nach Wilhelmshaven zurückzukehren, er kam aber nur bis nach Frankfurt, wo er auf die ersten revolutionären Matrosen traf, die er, unter seiner Leitung, zum Marine-Sicherheitsdienst, der Roten Matrosengarde zusammenfasste. (Man kann wohl sagen, dass er der „Amts“-Leiter war, während Hermann Stickelmann (siehe unten) der Einsatz-Leiter war. In Zeitungsartikeln der Zeit wird Groenke auch als „Chef der Kriminalabteilung“ des Marine-Sicherheitsdienstes bezeichnet). Groenke und fast alle Matrosen des Sicherheitsdienstes standen der USPD nahe. 

Marinesicherungsdienst Ffm 1918 in der Mitte Groenke mit dem Arm um Stickelmanns Schulter

1937 wurde der 5. von rechts in der untersten Reihe, Wilhelm Büdefeld von der Gestapo verhört und musste alle Matrosen die er kannte benennen

 

Die Matrosengarde sorgte für die Sicherheit in der Stadt Frankfurt und deren Nicht-Besetzung durch französische Besatzungstruppen. Ende 1919 hatte sich das Blatt aber abermals gewendet. Der Sicherheitsdienst wurde aufgelöst und Groenke verhaftet und – wegen Schießbefehls während des Hungeraufstandes vom 31.März 1919 - vor Gericht gestellt ( ein „schimpflicher Verrat an meiner Person“, den Groenke noch 50 Jahre später dem Sozialdemokraten Jakob Altmaier anlastete). Er wurde im April 1920 aber freigesprochen und verließ noch am selben Abend „verärgert wie Goethe seine Heimatstadt“ (wie die Lokalpresse schrieb) in Richtung Frankreich. Von den französischen Militärbehörden war er mit einem Pass als „Protege Francais“ ausgestattet worden.1922 wurde er in Frankreich eingebürgert, wo er erfolgreicher Spieler in der ersten französischen Fussball-Liga wurde (für die A.S. Strasbourg). 1927 vermeldete das Sport Echo Frankfurt, dass Groenke, ehemaliger Mitteldistanzspieler für den Sportclub Frankfurt 1880 und für Germania Bockenheim für die Förderung des deutsch-französischen Sportaustauschs mit dem französischen Sportabzeichen in Gold ausgezeichnet wurde.

  Löffler               Malang                      Groenke                      Stickelmann                 Leistner

                                                                 Koch

1940, nach Beginn der Kämpfe in Frankreich, trat er einem britischen Ausländer-Regiment bei und ging nach der französischen Kapitulation in den Untergrund, wo er ab 1943 in der Region südlich von Grenoble, gemeinsam mit deutschen und österreichischen Antifaschisten und Spanienkämpfern gegen die Deutschen kämpfte. In der Resistance legte er sich den Untergrundnamen „Bill“ zu, den er für den Rest seines Lebens führte.

Im November 1943 geriet er in deutsche Gefangenschaft und – wie er selber schreibt – war er im Gefängnis Ohrenzeuge der Ermordung seines Freundes, dem Resistanceführer Jean Moulin durch den Lyoner Gestapochef Klaus Barbie (im Allgemeinen geht man allerdings davon aus, das Moulin schon am 08.Juli 43 in einem Zug auf dem Weg in ein deutsches Konzentrationslager starb !!!). Groenke wurde im Dezember 1943 aus dem Gefängnis in Marseilles in das Gestapo-Lager Neue Bremm bei Saarbrücken gebracht, 1945 dann, auf dem Weg zum Volksgerichtshof in Berlin im Gefängnis Hammelgasse in Frankfurt und zuletzt im Gefängnis in Hanau eingesperrt, wo er am 01.April 1945 von den Amerikanern befreit wurde (gemeinsam mit einem guten Teil der Pariser „Humanite“-Redaktion).

Von April bis Juni 1945 setzten ihn die Amerikaner zum Leiter des “Service de Rapatriement“ mit Dienstsitz im Frankfurter IG-Farben-Haus ein. Im Anschluss daran ging er ins Saargebiet, wo er den 1. FC Saarbrücken wiederaufbaute (1946-52) und in der Folge daran sportlicher Leiter einer ganzen Reihe von Fussballvereinen in Frankreich wurde, zuletzt desjenigen in Grenoble (2.Liga). 1968 verlor er aus Altergründen diese Stelle. Er schien aber für sein Alter finanziell nicht vorgesorgt zu haben und so suchte er dringend nach einer neuen Stelle (auch in der DDR, wo man einen Leiter für den Jugendsport suchte, ihn aber nicht haben wollte). Es gelang ihm Hallenwart der Saarlandhalle in Saarbrücken zu werden. Anfang der 70er Jahre beteiligte er sich, gemeinsam mit alten Resistance-Kameraden, an der Jagd der Klarsfelds auf dem Nazi-Mörder Barbie. Im Oktober 1986 starb er hochbetagt in Saarbrücken. Bill Groemke war verheiratet (mit Martha) und hatte mindestens einen Sohn (Fred). In Frankfurt ist er weitgehend vergessen, vielleicht sollte man seiner gedenken, wenn das nächste mal eine neue Straße benannt werden muss.

 

Etwas weniger wurde Hermann Stickelmann in Frankfurt vergessen, er war allerdings auch eine schillernde Gestalt und ein Hüne von Mann. „ein Teufel von einem Matrosen, in den dreißigern, schweigsam, nachdenklich, energiegeladen, von einer ungebildeten Intelligenz aber natürlich gerecht…“, wie man in einer französischen Zeitung 1919 lesen konnte. Geboren wurde er im September 1893 als Sohn wohlhabender Eltern, in Aachen. Er machte eine Mechaniker-Lehre (in seinem Totenschein steht der Beruf ‚Dreher’) und 1911 wurde er zum Militär eingezogen, zur Reiterei, wo er und seine Kameraden von den Kavallerie-Offizieren regelmäßig geprügelt wurden, was in ihm einen Hass auf alle Offiziere und ganz besonders auf Monokelträger auslöste. Mit den Trierer Jägern zog er dann 1914, kurz vor Ablauf seiner Dienstzeit, in den Krieg. Auch er wurde schon im November 1914 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und auch er wurde schwer verwundet und nach seiner Genesung Fliegerabteilungen zugeteilt. Er arbeitete unter anderem als Mechaniker bei den Zeppelinen, die London bombardierten. Von hier ab aber winden sich Legenden um Stickelmann: die bürgerliche Presse Frankfurts der 20er Jahre sah in ihm einen, wegen revolutionärer Umtriebe schon während des Krieges Vorbestraften, ja sogar zum Tode Verurteilten. Bill Groemke schilderte noch 50 Jahre nach den Vorfällen, Stickelmann sei erst durch die Revolution aus dem Zellentrakt der Gutleutkaserne befreit worden, die DDR-Historiografie (allerdings schon die von 1949,) machte aus ihm schon für 1916 einen Genossen von Karl Liebknecht und Paul Levi und ein Mitglied des Spartakusbundes, einen Teilnehmer am Marinestreik von 1917 und vom Kriegsgericht in Bromberg Verurteilten (18 Monate Festungshaft), als einen zur Gruppe Reichpietsch und Köbes (Ikonen und Märtyrer der deutschen Revolution) Gehörenden. Trotz intensiver Recherchen in diese Richtung, kann ich davon aber nichts bestätigen. Tatsächlich scheint er im November 1918 Soldat des in Frankfurt stationierten Ersatz-Bataillons des 81. Regiments gewesen zu sein. Er wurde in den Soldatenrat gewählt und Verbindungsmann zu den aus Kiel und Wilhelmshaven nach Frankfurt kommenden roten Matrosen. 

      

 Stickelmann befiehlt Oberbürgermeister Voigt die rote Fahne auf dem Römer aufzuziehen

 

Stickelmann tat sich besonders in der Organisation der Frankfurter Soldatenbordelle hervor. Nach dem Waffenstillstand war Frankfurt die erste sichere Stadt hinter dem besetzten Rheinland gewesen, erst hier mussten die von der Front zurückströmenden Soldaten nicht mehr fürchten in Kriegsgefangenschaft zu geraten und hier tobten sich dann viele richtig aus, es war zu Massenvergewaltigungen von Prostituierten im Frankfurter Rotlichtviertel rings um die Rosengasse gekommen (heute von der Berliner Straße überbaut). Stickelmanns Matrosengarde bewachte die Bordelle und organisierte den Einlass. Dies brachte Stickelmann die Freundschaft der Frankfurter Zuhälter- und Halbwelt-Kreise ein. Ganz besonders nachdem Stickelmann „ein moderner Achill“ wie die Boulevardpresse 1919 schrieb, die Leitung der Kämpfe am 31.März 1919 übernommen hatte, in denen er persönlich, sich mit Handgranaten den Weg freisprengend, teilgenommen hatte, war er der uneingeschränkte Kommandant des Matrosen-Sicherheitsdienstes und der König von Frankfurt – an ihm kam in Frankfurt nun niemand mehr vorbei. („Stickelmann geh du voran, du hast die längsten Hosen an !“ wie Müller-Herfurths „Fackel“ im Juli 1919 lobhudelte). Stickelmann hatte einen tiefen Sinn für Gerechtigkeit, um aber der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen, setzte er auch gerne seine Fäuste ein, ihm wurde von Freund und Feind ein Hang zur Gewalttätigkeit attestiert. Ganz besonders ging er gegen Schieber und Kriegsgewinnler vor, was ihn im notleidenden Frankfurt populär machte.

 Seine unglaublichen Körperkräfte halfen ihm aber auch so manches Attentat, das auf ihn versucht wurde, abzuwehren. So griffen ihn z.B. eines Nachts vier gedungene Mörder an, als er um 3 Uhr ganz alleine auf der Weißfrauenstraße stand, die er alleine alle vier so verprügelte, dass sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten. ( "Le Matin" aus Frankreich schrieb im Juni 1919 sogar von fünf Angreifern, die der "veritable Koloss" abgewehrt hätte). Ein anderes mal wurde ihm in den Fuss geschossen, was ihn aber nicht davon abhielt, zu seinem Dienst zu erscheinen. später versuchte Polizeipräsident Harris einen "Athleten" zu dingen, der Stickelmann verprügeln sollte, aber der Athlet ließ sich darauf nicht ein. 

 

 

Sehr gut war Stickelmanns Verhältnis zu den Offizieren der französischen Militärmission in Hotel Carlton (am Hauptbahnhof).  Nach einem Artikel im ,reaktionären Pariser Boulevard-Blatt "Le Journal" (Auflage 1.000.000) mit dem Titel "Wilson et Stickelmann" war dieser in Frankreich aber auch zu einem Synonym für einen deutschen Revolutionär geworden. Auch Groenke und die USPD-Führung (z.B. Toni Sender zu der Stickelmann ein sehr gutes Verhältnis hatte) standen gut mit den Franzosen, verhinderten diese doch den Einmarsch von Freikorps in das entmilitarisierte Frankfurt (so zum Beispiel im Juli 1919 ,als durch die persönliche Freundschaft zwischen Stickelmann und dem französischen Verbindungs-Offizier Kapitän Pomaréde so auf Marschall Foch eingewirkt werden konnte, dass dieser den geplanten Einmarsch von 5 Regimentern Freikorps verbot.). Das Verhältnis war so gut, dass Stickelmann und Groenke im Juni 1919 drei deutsche Spione an die Franzosen auslieferten.. Diese waren  vom Frankfurter Polizeikommissar Max von Gosen (1876-1929) ausgesandt worden (zumindest hatte Gosen falsche französische Pässe ausgestellt), ins ehemals deutsche, jetzt wieder französische Lothringen vorzudringen. Auf einer Wiese beim Hofgut Goldstein, (die Goldstein-Siedlung gab es da noch nicht) wurden die Spione den Vertretern der französischen Militärmission übergeben . Das Verhältnis Frankfurts und seiner Vertreter zu den Franzosen musste allerdings auch gut sein, denn auf französischer Seite waren die Bestrebungen stark, Frankfurt in die besetzte Zone aufzunehmen (diese endete zwischen Griesheim und dem Gallus-Viertel, da wo heute die Autobahn kreuzt).

 „Infolge wohl geleiteter auswärtiger Zeitungsangriffe, kräftigen Intriguierens [sic !] von Frankfurt aus bei der Regierung und bei anderen, mehr lokalen Machtfaktoren gelang es endlich, die Marineabteilung aufzuheben [im August 1919], sie der Polizeitruppe einzuverleiben und dem Simson dadurch die Haare zu schneiden, ohne ihn aber völlig ohnmächtig zu machen.“. Von jetzt ab war Hermann Stickelmann nur noch Führer der IV. Bereitschaft.

 

 

Im Zuge der Besetzung Hanaus durch das Freikorps Neufville (die 'schwarze Garde' des Frankfurters Georg Heinrich von Neufville 1883-1941, später hoher SA-Offizier) war dort auch ein Matrose des  Frankfurter Sicherheitsdienstes verhaftet worden. Groenke und Stickelmann ließen daraufhin in Frankfurt eine große Zahl von Offizieren verhaften und tauschten diese gegen den Matrosen aus. Diese Aktion kostete ihn in Frankfurt viele Sympathien. Aber nicht nur Hanau, auch Frankfurt wurde von Neufville besetzt. Das Freikorps besetzte am 27. September 1919 die Gutleutkaserne und schickte die dort stationierte Sicherheitspolizei nach Orb, dann wurde der Römerberg besetzt und dort in Feldküchen gekocht. Beflissene Angestellte im Rathaus hatten zuvor die rote Fahne eingeholt. Erst jetzt trat Hermann Stickelmann  der USPD bei. 

Nun von seinen Matrosen etwas isoliert, ordnete Polizeipräsident Harris unter einem Vorwand und Vorwände bot der raubeinige Stickelmann zuhauf, Am 6. (oder 7.) Oktober 1919 Stickelmanns Verhaftung an, er sah darin: „die erste Voraussetzung für die Wiederherstellung der Staatsautorität.“. Ein größeres, auch mit Maschinengewehren bewaffnetes, Kommando von Polizisten und Freikorps-Männern fand sich abends im Frankfurter Hauptbahnhof ein. Telefonisch fragte man alle einschlägigen Lokale nach Stickelmann an, aber nirgends war er zu finden. Stickelmann hatte im Vorhinein von seiner geplanten Verhaftung erfahren und hatte sich deshalb, um sich zur Verfügung zu stellen, auf den Hauptbahnhof begeben. Als Polizeikommissar Schneider (der Drahtzieher, Leiter der politischen Polizei in Frankfurt) davon Mitteilung gemacht wurde, sprang er auf und brüllte: „Jetzt geht es nicht mehr gegen Stickelmann, jetzt geht es gegen uns.“. Zusätzliche Freikorps-Männer wurden in den Bahnhof gebracht, der  Freikorps-Hauptmann Kortemann aber weigerte sich, den Bahnhof militärisch zu besetzen, er wollte nicht den Eindruck erwecken, ein Putsch finde statt.  Sicherlich wollte man aber auch die Eisenbahner nicht weiter reizen, die schon die ganze Woche demonstrierten Am 13. zogen 15.000 Eisenbahner zur Reichsbahndirektion, in unmittelbarere Nähe des Frankfurter Polizeipräsidiums, drangen ein, wickelten den Präsidenten Stapff in eine rote Fahne  und drohten, ihn aus dem Fenster zu stürzen, wenn er nicht auch weiterhin den Betriebsrat an den Sitzungen des Präsidiums teilnehmen ließe. 

Nachdem er nicht verhaftet wurde, ging Stickelmann um 3 Uhr nachts wieder und die „Frankfurter Löwenjagd“ war im Sande verlaufen. 

 

 

Stickelmann blieb aber nicht untätig, noch am gleichen Mittag, hielt er eine Pressekonferenz ab, auf der er vor den versammelten Frankfurter Pressevertretern, die Vorwürfe gegen sich entkräftete, selbst den Vertreter der eher deutsch-nationalen Frankfurter Nachrichten überzeugte er. 

Der neue Polizeichef ließ sofort dementieren, aber nicht viele glaubten ihm.

Am Mittag des 24.Oktober unternahm Kommissar Schneider einen zweiten Versuch, Stickelmann zu verhaften. Mit insgesamt 17 Polizisten erschien er in Stickelmanns Kommandantur (jetzt nicht mehr in der Karlstraße 15, sondern im Polizeipräsidium (Platz der Republik am Bahnhof)). Dieser ließ sich aber nicht verhaften, er sagte, alle Zeugenaussagen seien wiederlegt und außerdem bestünde ja bei ihm keine Fluchtgefahr - Schneider musste sich fügen und zog ab.  Stickelmann zog es jetzt aber doch vor Frankfurt zu verlassen. Trotzdem erschien er am 15.November zu seiner Verhandlung, die man allerdings abgesagt hatte, so dass er Frankfurt wieder verließ.  Als Neufville dann am 22.November in einem Handstreich auch das Polizeipräsidium besetzte und die Hilfspolizei, auch Stickelmanns Matrosen entwaffnete, war für Stickelmann erst mal nicht an eine Rückkehr in die Stadt zu denken. Am 23.November 1919, eine Woche nach Absetzung von Polizeipräsident Harris und Amteinführung seines Nachfolgers, des SPD-Mitgliedes Fritz Ehrler, erschien Stickelmanns Steckbrief in Zeitungen der Region

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 bei Stickelmanns Geburtsjahr schwankte man zwischen 1890 und 93

Am Morgen des 25. Novembers wurde er  in Mainz verhaftet. Als man auf der Polizeistation im Stadthaus versuchte ihn in Eisen zu schließen, befreite er sich, drang in das Büro des Polizeidirektors vor und stellte diesen zur Rede. Obwohl eine größere Zahl von Polizisten versuchten ihn daran zu hindern, verließ er das Gebäude. Auf der Straße traf er auf einen französischen Offizier, unter dessen Schutz er sich begab. (In der konservativen Frankfurter Presse ist dieser Vorfall allerdings wesentlich unheroischer dargestellt, die Franzosen sollen sogar, um Stickelmann frei zu bekommen, kurzzeitig den Mainzer Polizeidirektor Vohmann abgesetzt haben). Die Franzosen schützten ihn weiterhin und auf Druck des Generals Mangin, Kommandant von Mainz, wurde der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben. Jetzt wurde über sein Verbleiben wild spekuliert, was das niederländische Außenministerium sogar dazu bewog zu dementieren, man habe Stickelmann in den diplomatischen Dienst des Landes aufgenommen; auch in einem norwegischen Konsulat wollte man wissen, hätten ihn die Franzosen untergebracht.  Im April 1920, während der dann doch noch erfolgten Besetzung Frankfurts durch die Franzosen nach dem Kapp-Putsch, kehrte Stickelmann wohl noch einmal nach Frankfurt zurück, um zwischen der Linken und den Franzosen zu vermitteln. (Das geht zumindest aus einem geheimen Polizeibericht an das preußische Innenministerium hervor.) Es wurde behauptet, er lebe in Mainz und werbe dort für die Franzosen deutsche Fremdenlegionäre an, der schlimmste Vorwurf, den man einem Deutschen damals machen konnte.

Aus Stickelmanns Personal-Akte im französischen Nationalarchiv in Paris geht hervor, dass die französische Besatzungsmacht versuchte, Stickelmann in Luxemburg und auch in Saarbrücken anzusiedeln, wo er aber jeweils Schwierigkeiten wegen Zuhälterei und Drogenhandels bekam, aus dem Saargebiet wurde er deswegen und wegen des Verdachts auf versuchten Bankraub, am 18.Mai 1923 ausgewiesen.

Spätestens 1923  war er wieder in seiner Vaterstadt Aachen wo er als Transporteur von Mehl wohl recht uneigennützig die Not der inflationsgeschüttelten Stadt milderte (er besaß zwei Lastwagen). Bis 1925 lebte er auch in Wiesbaden, von wo er regelmäßig auch wieder nach Frankfurt gekommen sein soll. Von guten Bekannten im Frankfurter Polizeipräsidium wurde er über die Ermittlungen über sich auf dem Laufenden gehalten (noch 1937 arbeiten ehemalige Mitglieder des Matrosen-Sicherheitsdienstes für die Frankfurter Polizei, wie die Gestapo feststellte). Er arbeitete als Textil-Vertreter und fuhr mit seinem Chauffeur die Dörfer der besetzten, aber auch der nicht-besetzten Zone ab (1924 war er in Lampertheim gesehen worden.).In Wiesbaden soll er Mitglied einer  Bande gewesen sein, die das illegale Glücksspiel und den Kokainhandel organisierte. 1925 wurde er jedenfalls nach einem Streit,  im Wiesbadener Hotel Kaiserbad vom Chef der Bande verprügelt.

1926 gelang es dann ihn - den frisch Verlobten - unter einem Vorwand (er soll bei einem Autokauf falsche Wechsel ausgestellt haben)  zu verhaften; von den Franzosen wurde er jetzt ganz offensichtlich nicht mehr geschützt. 

Erkennungsdienstliche Aufnahmen Stickelmanns der Mainzer Polizei

von 1926. Offensichtlich hatte er in den "Goldenen 20ern" 

zugenommen. Dieses Foto, wie auch Informationen aus seiner Pariser

als auch Mainzer Polizei-Akte, wurden mir aufgrund dieses Artikels

vom britischen Historiker David Turner zur Verfügung gestellt,

Danke schön !

Im Juni 1927 wurde ihm vor dem Reichsgericht in Leipzig der Prozess gemacht. Angeklagt war er wegen der Auslieferung der drei Spione, für die er 15 Jahre Zuchthaus als Strafe erhielt, die lange Untersuchungshaft wurde ihm nicht angerechnet. In Frankfurt aber war man nachtragend. Obwohl mit 15 Jahren schon die Höchststrafe erreicht war, erinnerte man sich hier an den Haftbefehl von 1919 und stellte ihn wegen Gefangenen-Misshandlung im Amt vor Gericht. Der Knackpunkt: hätte er damals als Soldat (oder Matrose) gehandelt, dann wäre das legal gewesen, nicht aber wenn er als Polizist und damit Beamter gehandelt hätte. Wie auch schon in Leipzig war Paul Levi auch in Frankfurt sein Anwalt. Dieser argumentierte, Stickelmann hätte sich nie als Polizist, sondern immer nur als Revolutionär empfunden, außerdem hätten die Witwen von im Frankfurter Einsatz gefallenen Matrosen bei der Beantragung von Witwenrente nach dem Beamtengesetz mitgeteilt bekommen, ihre Männer seien ja Soldaten und eben keine Beamten gewesen. Es nutzte alles nichts, Stickelmann wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt (die auf die in Leipzig ausgesprochene Höchststrafe nicht angerechnet werden konnten). Stickelmann teilte vor Gericht, wo ihm selbst aus den Reihen der anwesenden Polizisten, Sympathien zuteil geworden waren, aber mit; er sei trotzdem froh so mal wieder nach Frankfurt gekommen zu sein. 

                                    

  

 Stickelmann und Levi in Frankfurt vor Gericht

 

Stickelmann rückte nun ins Zuchthaus in Münster ein, wo er sich im September 1928 einen zusätzlichen Monat Gefängnis einhandelte, als er versuchte, einen Justizbeamten zu bestechen, der ihm zur Flucht verhelfen sollte.  Stickelmann schrieb 1929, nachdem er nicht in den Genuss der Generalamnestie von 1928 gekommen war, einen Brief an den Frankfurter Kommissar von Gosen, mit dem er sich bei der Verhandlung in Frankfurt ausgesprochen hatte und bat um Hilfe, seinen Fall nochmals aufzurollen. Aber vergeblich, noch  im gleichen Monat starb der Kommissar. Sein Anwalt Levi versuchte bis zu seinem Tode (1930) den Fall wieder aufzurollen, was ihm aber nicht gelang. Dessen Sekretärin aber, Frau Margarete Hasche, ließ den Fall nicht ruhen. Nach verschiedenen Versuchen, die Presse für die Sache zu gewinnen, gelang es ihr, ihren neuen Arbeitgeber, den SPD-Reichstagsabgeordneten Otto Landsberg für Stickelmann zu gewinnen. Landsberg erreichte Stickelmanns vorzeitige Begnadigung für das Frühjahr 1933. Nach dem Machtantritt der Nazis im Januar 1933 ist daraus natürlich nichts mehr geworden und er saß seine volle Strafe in Münster ab. Anstatt ihn danach aber freizulassen, überwies ihn die Gestapo übergangslos ins KZ-Sachsenhausen. Im August 1944 kam er zum Arbeitseinsatz in das KZ-Außenlager Falkensee (am Stadtrand von Berlin), wo er im Reichsbahnausbesserungswerk Grunewald als Facharbeiter eingesetzt wurde. Am 27.April 1945 waren die letzten Außenkommandos ins Lager zurückbefohlen worden und die sofortige Liquidierung der Häftlinge war schon befohlen. Den Vertrauenshäftlingen, unter ihnen Stickelmann gelang es aber, den Lagerkommandanten Kannenberg davon abzuhalten. Ein Teil der SS-Wächter zog ab, ein anderer Teil aber wollte das Lager nun liquidieren und zog dazu eine naheliegende Luftwaffeneinheit hinzu. Das KZ-Außenlager wurde mit Granaten und Maschinengewehren beschossen. Hermann Stickelmann kroch unter einem Zaun hindurch und gab von außen das Kommando: „Feuer einstellen !“ Es gelang ihm auch den Kommandanten der Luftwaffeneinheit davon zu überzeugen, dass nicht russische Soldaten, sondern politische Häftlinge sich im Lager befänden. Die deutschen Soldaten zogen ab und am Morgen darauf die Rote Armee ein. Das Lager und auch Hermann Stickelmann waren gerettet. Kurz darauf wurde er Mitglied der KPD. Er hat sich auch noch einmal verliebt und heiratete im November 1945 in Falkensee. In fast 20 jähriger Haft hatte er sich aber eine Herzkrankheit zugezogen, der er am 24.Januar 1949 in Falkensee erlag. In das Fundament des KZ-Mahnmals in Falkensee wurden Dokumente über ihn eingemauert. Bestattet wurde die Urne mit seinen sterblichen Überresten, unter großer Beteiligung, auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde, dem Sozialisten-Friedhof. 

 

 

Hermann Stickelmann hatte einen Bruder, der ihm auch vor Gericht zu Seite stand und eine Schwester, die (nach Stickelmanns Aussage) vor Kummer über das schwere Schicksal ihres Bruders kurz nach seiner Verurteilung mit 34 Jahren starb und ein 2 Jahre altes Kind hinterließ.

Jetzt könnte man vielleicht sagen: „der war doch gar kein Frankfurter“, aber um mit unserem großen Ministerpräsidenten Georg August Zinn zu sprechen: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“ Für Frankfurt, die Stadt fast ohne Einheimische, deren Einwohnerschaft eigentlich nur aus „Eingeplackten“ besteht, gilt dies natürlich ganz besonders. Hermann Stickelmann war ein großer Frankfurter, im wahrsten Sinne des Wortes.

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