Alexander Ruhe: 1850 – Frankfurt, die geteilte Stadt . Januar 2011

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Seit den Septemberkämpfen von 1848, in denen Preußen und Österreich noch gemeinsam vorgegangen waren, hatte sich das Verhältnis der beiden deutschen Vormächte zueinander sehr verschlechtert. Im Frühjahr 1850 löste Preußen die meisten norddeutschen Staaten mit der, von ihm dominierten, „Deutschen Union“ aus dem „Deutschen Bund“ heraus, den Österreich gerade dabei war wieder zu beleben. Dies führte nicht nur auf diplomatischer Ebene, sondern auch zwischen den preußischen, bayerischen und österreichischen Truppen, die seit den Septembertagen Frankfurt besetzt hielten, zu Spannungen. (Eigentliche Besatzungsmächte waren nur Preußen und Österreich, die je 50 Prozent der Truppen stellten, da Bayern aber auch Truppen schicke wollte, wurden diese in das österreichische Kontingent mitaufgenommen)

Vielleicht hätte man in einer solchen Situation besser kein gemeinsames Manöver abgehalten, als man sich aber am 01.Juni dann doch gegenüberstand, feuerten Soldaten des Frankfurter Linienbataillons scharf auf die Preußen. Obwohl man in Frankfurt beteuerte, dass das gar nicht wahr sei und schon gar nicht möglich gewesen sei, fanden die preußischen Soldaten das wohl nicht so lustig und warfen den Frankfurter Linien-Soldaten am 02.Juni beim Äppelwein in Bornheim vor: sie seien ja eh keine „richtigen Soldaten“ (gemeint: Wehrpflichtige), sondern nur „Söldlinge“ (gemeint: angeworbene Berufssoldaten).

Diesen abscheulichen Vorwurf nun wollten die bayerischen und österreichischen Soldaten nicht auf ihren Frankfurter Kameraden sitzen lassen und es kam zu den „Frankfurter Militär-Exzessen“. Die Massenschlägerei griff von Bornheim bald auch auf Frankfurt über, wo sich am Abend des 03.Juni hunderte Soldaten in der Allerheiligengasse und den umliegenden Straßen, hier besonders in der Judengasse, mit ihren Säbeln bearbeiteten und konnten von den Offizieren erst nach Tagen wiederholten Aufflackerns nur mit Mühen beendet werden (es war auch von Toten berichtet worden, was aber später- wohl des Friedens willen – dementiert wurde.).

Eine gemischte Untersuchungskommission tagte im Römer und am 07. Juni traten die preußischen und die Frankfurter Truppen gemeinsam am Grindbrunnen (heute Westhafen) an, die Dienstältesten der Offiziere  traten vor und man reichte sich die Hände. Die Preußen hielten es aber trotz dieser Versöhnung für gut, je ein halbes Bataillon Kanonen und Reiter zusätzlich nach Frankfurt zu legen.

 

Trotz, oder aber gerade wegen, dieser kriegerischen Stimmung, fand im August 1850 dann der 2. Internationale Friedenskongress in der Frankfurter Paulskirche statt, sogar der österreichische General Julius v. Haynau, der gerade auf das Brutalste die Revolutionen in Italien und Ungarn niedergeschlagen hatte, nahm (in Zivil und als Gast) kurz daran teil.

Aber selbst diese internationale Hilfe nutze nicht viel. Als Österreich als Antwort auf die „Union“ im September den „Bund“ wieder im Frankfurter Thurn- und Taxis-Palais konstituierte, standen die Zeichen auf Krieg.

 

Brisant wurde es, als der Herzog des benachbarten Kurhessens dachte, die in Revolutionszeiten gewährte Verfassung übergehen und wieder als absoluter Herrscher agieren zu können; sowohl die Bevölkerung, als auch die Gerichte und sogar sein Militär wandten sich gegen ihn. Dies rief sofort die Regierungen Preußens und Österreichs auf den Plan. Preußen, die Vormacht der „Union“ schickte sich nun an, in Kurhessen einzumarschieren, das Gleiche tat die bayerische Armee, beauftragt vom „Bund“ in Frankfurt.

 

Der Kurfürst von Hessen hatte sich aus seiner Residenz nach Frankfurt zurückgezogen und fuhr von hier aus jeden Morgen um acht zum Regieren nach Hanau-Wilhelmsbad, dort geschützt von bayerischen Truppen.

 

Beide Seiten machten Mobil und am 08.November kam es zu einem ersten Zusammentreffen in der Nähe von Fulda und es wäre sicherlich zum Krieg gekommen, hätte der russische Zar, Schutzherr der preußischen und der österreichischen Monarchie, den preußischen König nicht zum Einlenken gezwungen.

 

Das preußische Militär war gedemütigt. Ganz besonders die bayerischen Soldaten in Frankfurt ließen keine Gelegenheit aus ihr preußisches Gegenpart zu schmähen. Das Frankfurter Linienmilitär hingegen zeigte sich nun vorbildlich neutral, war doch das Gerücht aufgekommen, die „Strafbayern“, wie sie von der Bevölkerung in Hessen nun genannt wurden, hätten vom Kaiser als Lohn wieder einmal die freie Stadt Frankfurt versprochen bekommen und man fragte sich: „...was wir  erst zu gegenwärtigen hätten, wenn unsere bayerischen Gäste wirklich unsere Herren und Meister würden ?

 

Aus Furcht bei einem kommenden Krieg den Rückzug abgeschnitten zu bekommen, zogen die Preußen ihre Besatzungstruppen aus dem 1849 unterworfenen Baden ab. Der Großteil dieser Truppen durchquerte nun auf dem Weg nach Preußen Frankfurt. Sowohl die Preußen, als auch die Bayern legten nun andere – aggressivere Truppenverbände nach Frankfurt. Diese Truppen, preußischerseits katholische Rheinländer und Altbayern auf der anderen Seite gerieten auch bald aneinander. Man hieb aufeinander ein, wo man sich nur traf (auch in der dienstfreien Zeit waren die Soldaten mit ihrem „Seitengewehr“ bewaffnet, eine Regelung, die erst 1849 in den Armeen eingeführt worden war), Finger wurden abgetrennt, Pickelhauben gespalten, Rücken geöffnet, Schultern gespalten und die Militärhospitale auf der Pfingstweide (heute am Zoo, dort wo sich das Gagern-Gymnasium befindet)  und in der Westendhall (etwa da, wo heute der Galileo-Turm am Ende der Kaiserstraße steht) füllten sich.

Als die wilde Soldateska sogar in Privathäuser eindrang und die dort einquartierten Offiziere überfiel, wurde am 30.November eine Demarkationslinie durch Frankfurt gezogen, die von bayerischen und österreichischen Soldaten auf der einen und von preußischen Soldaten auf der anderen nicht überschritten werden dürfte. Die Kasernen der Bayern befanden sich im Karmeliterkloster und im Deutschordenshaus, die der Österreicher im Frankensteiner Hof, das Frankfurter Linienbataillon lag im Dominikanerkloster, die Preußen hatten ihre Kasernen am Holzgraben (u.a. auf dem heutigen Reifenstein Platz vor dem P & C).. Die Demarkationslinie zog sich über den Platz an der Hauptwache, die Tönges- und die Hasengasse entlang (wo sie die Altstadt zum Main hin durchquerte weiß ich nicht). Aber trotz der Grenzlinie und einer abendlichen Ausgangssperre und Hausarrest der Soldaten in ihren Kasernen (nur die Frankfurter Soldaten waren davon ausgenommen) kam es immer wieder zu Zwischenfällen. Erst als das Standrecht angedroht wurde und Mitte Dezember dann die rivalisierenden preußischen und bayerischen Truppenverbände ersetzt und abgezogen wurden, entspannte sich die Lage in Frankfurt. Bis zum Vorabend der preußischen Eroberung Frankfurts 1866 musste Frankfurt Besatzungstruppen beherbergen.

 

Die Exzesse von 1850 waren aber keinesfalls die ersten, die in Frankfurt vorgefallen waren, schon bei der ersten Besetzung Frankfurts, 1833 - 42, war es zu Ausschreitungen und sogar zu Kämpfen mit Toten gekommen (1835 in Bockenheim), und auch schon 1849 waren speziell die Preußen und die Bayern in der immer wieder aneinander geraten. Als am 29. September 1849 dann der spätere Kaiser, damalige Prinz Wilhelm auf dem Rossmarkt eine Parade abhielt, wurde sogar eine Militärgrenze durch Frankfurt gezogen, die in Sachsenhausen stationierten Bayern dürften die Brücke nicht nach Frankfurt überqueren, die in Frankfurt sitzenden Preußen dürften nicht nach Sachsenhausen. Das wollten die bayerischen Soldaten aber nicht hinnehmen und es kam zu einem regelrechten Gefecht auf der Alten Brücke, bei dem beide Seiten viele Verwundete zu beklagen hatten.

 

Die nächsten Jahre blieb es leidlich ruhig und die fremden Soldaten prügelten sich nur noch mit der Frankfurter Jugend; als Österreich 1859 mit Frankreich in Krieg geriet und Preußen, anstatt gegen den "Erzfeind" zu helfen, in eine gegen Österreich gerichtete "bewaffnete" Neutralität verfiel, ging es auch in Frankfurt wieder rund Anfang August 1859 schlug man sich auf Frankfurts Straßen gleich über vier Tage und Nächte - 20 Schwerverwundete blieben in den Militärhospitalen zurück.

 

Im Herbst 1863 spitzte sich die Lage wieder zu. Im Frankfurter Bundestag, der seit 1816 im Thurn-und Taxis Palais tagte, befürwortete Bayern einen Einmarsch deutscher Truppen nach Schleswig-Holstein (politisch korrekt damals Schleswigholstein), Preußen hingegen zeigte sich zögerlich, was zur Verhöhnung der in Frankfurt stationierten preußischen Soldaten, durch ihre bayerischen Kollegen führte; begegneten Bayern den Preußen in der Stadt, so fingen sie an das Schleswigholstein-Lied zu singen und die Preußen als Bismarcke zu verspotten.

Das führte 29.Oktober 1863 zu einem Streit zwischen Soldaten, bei dem einem Preußen in der Fahrgasse die Finger abgehackt wurden, die Wache rückte aus, verhaftete zwei Bayern und brachte sie in die Hauptwache.

Nun versuchten ca. 50 bayerische Soldaten, unterstützt von einer Volksmasse, die Hauptwache zu stürmen und die Gefangenen zu befreien. Eine zur Hilfe eilende Truppe von 30 Preußen musste sich mit aufgepflanztem Bajonett einen Weg durch die Menschenmenge bahnen, die vor ihnen zurückwich und sie dabei verhöhnte, "Bismarcke, Bismarcke" rief die mittlerweile auf mehrere tausend angewachsene Menge und die Stadtjugend fing an die Preußen auszupfeifen. Einem Preußen wurde alles zuviel; er schrie: "Cannaille, ich stech' Euch alle tot" und drang auf die Leute am Wegesrand ein. Von Seiten der Preußen in der Hauptwache wurde jetzt ein Bajonettangriff vorgeführt, vor dem die Leute zurückwichen und aus tausend Kehlen anfingen das Schleswigholstein-Lied zu singen. Ein bayerischer Hauptmann hielt jetzt vor der Volksmasse eine Rede, in der er die Preußen als unpatriotisch zieh. Sicherlich wäre es nun zu einem weiteren Frankfurter Wachensturm gekommen, wären jetzt nicht die Frankfurter Schutzleute in die Menge geschritten und hätten diese aufgefordert, nach Hause zu gehen, was diese dann auch taten !

In der preußischen Presse konnte man dann lesen, der Konflikt in Frankfurt zwischen Preußen und Bayern sei ohne politische Bedeutung und nur auf die Hetzerei einiger Zivilisten zurückzuführen. Die Bayern ließen vermelden, es seien niemandem die Finger abgehauen worden, Bayern seien sowieso keine dabei gewesen und schon gar kein bayerischer Offizier und alles war wieder gut.

 

 

Von links nach rechts: Preußen, Frankfurter, Bayern, Österreicher

   

 

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