Alexander Ruhe: Wie man in Frankfurt versuchte, die Zeit zu bändigen.Dez.2011

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Im alten Frankfurt war das mit der Zeit ganz einfach: Wenn die Sonne im Zenit stand, dann war es 12 Uhr Mittags, wenn es dunkel war, dann war es Nacht.  So ganz genau messen konnte man das nicht, aber auf halbe oder gar viertel Stunden kam es den alten Frankfurtern auch nicht an. Tagsüber arbeitete man einfach so lange, bis es dunkel war und im Dunklen sagte einem schon der Nachtwächter des Quartiers, wie spät es war (Stunden wurden ausgesungen, die Viertelstunden ausgepfiffen). Dumm war es nur, wenn man an der Grenze von zwei oder drei Nachtwächterbezirken wohnte, diese sangen die Zeit nämlich ganz und gar nicht synchron aus.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Zeiten aber schneller, alles wurde nun vermessen, berechnet, gewogen und klassifiziert. Auch war das Postkutschennetz wesentlich enger geworden und es kam immer mehr auf die Pünktlichkeit der Fahrpläne an. Deshalb war es dann in Frankfurt auch zuerst die Direktion der Thurn- und Taxis-Post, die sich beschwerte, dass die Turmuhren alle eine unterschiedliche Zeit anzeigten und untereinander sogar um bis zu einer halben Stunde variieren würden, das wäre nicht gut.

Der Rat der Stadt reagierte und im Herbst 1830 errichtete man auf dem Rossmarkt ein Gnomon, eine Mittagslinien-Sonnenuhr. Das ganze war ein Obelisk mit einer Kugel auf der Spitze, an deren Schatten man die mittlere Sonnenzeit ermitteln wollte. Für die Wintermonate, in denen das Licht und die Schatten diffuser sind, hatte man noch eine Metallstange am Obelisken angebracht, deren Schatten alle Zweideutigkeiten ausschließen sollte.

 

So richtig gut scheint das aber nicht funktioniert zu haben, denn immer wieder konnte man in den Zeitungen lesen, dass die städtischen Uhren alle eine andere Zeit anzeigten. Das Problem war, dass das mit dem Zenit der Sonne eigentlich nur am Äquator so richtig gut klappt. Bei uns, auf dem 50. Breitengrad, stimmt das nur an ca. 20 Tagen im Jahr, im Sommer aber „geht die Sonne langsamer“, im Winter schneller, was zu Abweichungen von +/- 15 Minuten führt.

Zum Glück gibt es in Frankfurt aber den Physikalischen Verein, der das ganze jetzt in die Hand nahm und dieser richtete im Sommer 1838 auf dem Turm der neuerbauten Paulskirche eine Messstation ein. Mit einem Sextanten und einem exakten Chronometer wurde jetzt, für alle städtischen Uhren verbindlich, die mittlere Zeit ermittelt. .

 Auch dieses Verfahren war nicht ganz einfach. Jeden Tag stieg ein Mitglied des physikalischen Vereins um 11.40 Uhr auf den Turm, las die Zeit vom Chronometer ab, maß mit einem Theodoliten den Sonnenstand und justierte die Uhr nach. Zwei Minuten vor Zwölf gab er dann dem städtischen Uhrmacher, der auf dem Turm der Katharinenkirche stand und seinem Gehilfen, auf dem Domturm (viel mehr Stufen !) ein Glockensignal, das er dann ab 22 Sekunden vor Zwölf im Zweisekundentakt wiederholte, so dass er zwölf Signaltöne gab, die von den zwölf Glockenschlägen der Turmuhren abgelöst wurden. Alle anderen Uhren in der Stadt wurden dann nach diesen beiden gestellt, und das bis etwa 1920. 

Die Mitglieder des physikalischen Vereins waren so gewissenhaft, dass sie auch Nachts auf den Turm der Paulskirche stiegen, um die Zeit am Laufe der Planeten zu überprüfen. Anfang Mai 1848 sorgte das aber für Missverständnisse.  Als um Mitternacht jemand die Tür zur Paulskirche aufschloss, in der ja gerade das Vorparlament tagte und dann auf dem Turm auch noch mit Streichhölzern hantiert wurde, löste ein aufmerksamer Soldat auf Wache Großalarm aus und die Paulskirche wurde umstellt. 

Aber die Zeiten wurden noch schneller. 1839, kaum ein Jahr nach Einführung einer exakten Zeitmessung,  lagen schon die ersten Bahnhöfe um Frankfurt und die Stadt entwickelte sich zum deutschen Eisenbahnkreuz, in dem das preußische auf das süddeutsche Eisenbahnnetz stieß. Die Eisenbahnen waren viel schneller als die Postkutschen und jetzt störte es plötzlich, dass es in Frankfurt erst eine halbe Stunde später 12 war als in Dresden, dafür aber eine halbe Stunde früher als in Paris. Die Eisenbahnverwaltungen einigten sich auf Eisenbahn-Standard-Zeiten, aber, wie sich das in Deutschland gehört, nicht auf eine einzige, sondern jeder auf seine eigene. In Preußen, zu dem Frankfurt jetzt auch gehörte, galt die Berliner Zeit als Eisenbahnzeit, in Sachsen die Leipziger (4 min Unterschied), in Bayern die Münchner, in Württemberg die Stuttgarter und in Baden die Karlsruher Zeit. In Österreich galt die Prager Zeit, in den ungarischen Gebieten aber die Budapester Zeit (14 min Differenz). Das ging so bis zum 01.April 1893, da wurde in Deutschland die Mitteleuropäische Zeit (MEZ) eingeführt, in Frankfurt wurden die Uhren 25 Minuten und 16 Sekunden vorgestellt und alles war gut.

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