Alexander Ruhe: 1873 - Der Frankfurter Batzenbierkrawall. Oktober 2014

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Das Jahr 1873 lag in einer Zeit der Umbrüche; der gewonnene Krieg von 1870/71 hatte für Deutschland und nicht zuletzt für das fünf Jahre zuvor preußisch gewordene Frankfurt einen unglaublichen Wirtschaftsboom bedeutet, tausende von Neu-Frankfurtern waren in die Stadt geströmt, um hier in einem der zahlreichen neuentstandenen Unternehmen zu arbeiten. Zum Ende des Jahres 1872 hatte man  die alten Frankfurter Maße Elle, Schoppen und Pfund durch die nun international werdenden Maße Meter, Liter und Kilo ersetzt und die alten Währungen Gulden und Taler sollten demnächst durch die Mark abgelöst werden; man ging also mit Riesen-Schritten in eine blühende Zukunft. 1873 verdüsterte sich aber die bis dahin geradezu euphorische Stimmung rapide. Die letzte durch eine Missernte bedingte Teuerung traf Deutschland. Zwar wurde schon seit 1856, nicht zuletzt auch in Höchst, Kunstdünger hergestellt, aber zum Einsatz kam der noch nicht überall und so stiegen die Lebensmittelpreise stark und so  stiegen auch die Preise für Braugerste.

Dadurch und vor allem durch das wegen des zu warmen Winters fehlende und deshalb teuere Eis, das man zum Brauen brauchte, stiegen die Braukosten des Bieres in Frankfurt. (man hatte im Herbst 1872 extra ein Schiff mit Eis aus Norwegen kommen lassen, dieses hatte aber Schiffbruch erlitten). Auf diesen Kosten wollten die Brauer nicht sitzen bleiben und so erhöhten die Frankfurter Bierbrauer am 17.März 1873 den Preis den ihnen die Frankfurter Bierzapfer für einen Hektoliter Bier zu zahlen hatten, von 10,5 auf 14 Gulden. Auf diesen Mehrkosten wollten jetzt aber auch die Bierzapfer nicht sitzen bleiben, hatte für sie die Umstellung auf den Liter doch schon einige Unbill bedeutet, ein Schoppen nämlich, den man bis Ende 1872 ausgeschenkt hatte, fasste nun 0,43 Liter. Das Bier musste jetzt also entweder in 0,4 Liter Gläsern ausgeschenkt werden, was den Bier-Trinkern nicht gefiel, oder aber in 0,5 Liter Gläsern, was gar nicht im Sinne der Wirte war. Die Bierbrauer und die Bierzapfer setzten sich nun zusammen und beschlossen, das der halbe Liter Bier vom 01.April an statt 4 Kreuzern 4 ½ Kreuzer kosten solle. Die Bierzapfer hätten lieber einen Preis von 5 Kreuzern gesehen, aber man einigte sich auf einen Kompromiss. 

Nun gab es aber ein Problem; um für die für 1875 geplante Umstellung der Währung auf die Mark auch genug Münzmetall vorrätig zu haben, waren schon die meisten Heller Münzen (4 Heller = 1 Kreuzer) eingezogen worden, die Wirte hatten also kein Kleingeld, mit dem sie herausgeben konnten. Auf Kosten der Brauereien wurden nun 0,5 Kreuzer Biermarken geprägt um diesem Missstand abzuhelfen.

Diese Biermarken waren in allen Frankfurter Wirtschaften und auch in den meisten Geschäften gültig, selbst Frankfurter Chirurgen beeilten sich in Zeitungsinseraten kund zu tun, dass auch sie diese Münzen in ihrer Praxis akzeptierten, waren doch in Frankfurt sowieso eine große Zahl unterschiedlicher Münzen in Umlauf. Problemlos konnte man mit süddeutscher Guldenwährung, norddeutsch- preußischer Talerwährung, aber auch mit niederländischen und österreichischen Gulden, mit französischem Franc oder Schweizer Franken bezahlen, da machte eine Münze mehr niemanden verrückt. Viel schlimmer war, dass viele Arbeiter und Handwerksgesellen ihren Lohn zum Teil direkt mit 4 Kreuzer (= 1 Batzen) Biermarken ausbezahlt bekamen, für die sie nun kein Bier mehr bekommen konnten, das war schon sehr ärgerlich, zudem Bier damals noch Grundnahrungsmittel war, deutsche Kolonien gab es noch nicht und so waren preisgünstiger Kaffee und Tee nicht zu haben, außerdem musste man fürchten, krank zu werden, wenn man Brunnenwasser in Frankfurt trank (erst die Typhus-Epedemie vom Sommer 1874 forcierte den Kanalisations- und Trinkwasserleitungsbau)  Und außerdem und das war vielleicht entscheidend: ein Glas Bier hatte schon immer einen Batzen gekostet. Zu Zeiten der Gold- und Silberwährung waren die Preise viel fixer als heute und seit über 100 Jahren kostete ein Bier dasselbe, der Brotpreis war schon immer eng an den Getreidepreis gekoppelt, der Bierpreis merkwürdigerweise nicht - Revolution lag in der Luft !

Schon eine Woche zuvor wurde gemunkelt, das lasse man sich nicht gefallen, am Nickelchestag gäbe es Krawall. Der Nickelchestag war in den 1780er Jahren vom Offenbacher Industriellen Nikolaus Bernhard für seine Arbeiter eingeführt  und bald auch in Frankfurt und in dessen Umland übernommen worden und wurde erst 1934 als "Geschenk" an Adolf Hitler wieder abgeschafft. Zum Nickelchestag, das war jeweils der dritte Montag der Frühjahrs- und der Herbstmesse, bekamen die Arbeiter einen freien Tag, damit sie nochmals einen Werktag hatten, um auf der Messe einkaufen zu gehen oder aber: um soviel Bier zu trinken wie es nur ging. Kein anderer Tag, als eben der Nickelchestag, „der blaueste der blauen Montage“, wie einer der Verteidiger ihn später vor Gericht in seinem Schlussplädojer bezeichnete, wäre geeigneter gewesen, „die Gährung, die in der Luft lag, zum Ausbruch zu bringen“.

Die Frankfurter Polizei ging diesen Gerüchten jetzt nach und schickte ihren Kommissar Dr. Rumpff nach Offenbach, um der Sache auf den Grund zu gehen. In Offenbach hatte man einen Tag nach der Bierpreiserhöhung in Frankfurt diese sofort nachvollzogen, inklusive Frankfurter Halb-Kreuzer-Biermarken und vier Tage später hatte die Offenbacher Polizei nur mit Mühe einen aufkeimenden Bierkrawall unterdrücken können. Nebenbei, bis heute glauben die meisten Frankfurter nicht an die Existenz von Offenbach, Offenbach und die Offenbacher sind eher etwas, mit dem man kleinen Kindern droht, wenn sie nicht artig sind, aber eines weiß der Frankfurter: aus Offenbach kommt nichts Gutes ! Weshalb die Frankfurter Polizei auch ihren Sozialisten- und Anarchistenspezialisten schickte, der aber schon bald Entwarnung geben konnte.

Den Frankfurter Wirten war die Situation nicht geheuer. Am Sonntag dem 20.April 1873, einen Tag vor dem Nickelchestag, wurde eine Wirtedeligation bei der Polizei vorstellig und fragte, ob man die Wirtschaften nicht vorsichtshalber schließen solle, aber die Polizei gab Entwarnung, man sei auf alles vorbereitet. Am nächsten Tag wurden die ca. 60 Frankfurter Polizisten in der 100.000 Einwohner-Stadt einfach an die Wand gedrückt !

Zum Nickelchestag waren 20 bis 30.000 Besucher von außerhalb in die Stadt gekommen, um sich zu den vielen Frankfurtern zu gesellen, die sich die Messebuden anschauten, Bier tranken und die Attraktionen bestaunten. Attraktionen hatte die Frankfurter Frühjahrsmesse 1873 allerhand zu bieten, so gab es: 8 Schaubuden mit Panoramen oder mit mechanischen Sehenswürdigkeiten, 6 mit Riesendamen, Zwergen  oder Somnambulen (Schlafwandlern), eine Bude für Kunstproduktionen der Physik, eine Hundeshow, 2 Elektrisiermaschinen, 3 Schreibmaschinen, ein Bergwerk, 6 Schießbuden, einen Fotografen, ein Polichinelle-Theater, 3 Karussells , 4 Waffelbäcker, 5 Zuckerwarenverkäufer und außerdem, mit Kreuzbergs großer Menagerie,  mit Tigern, Löwen und einem weißen äthiopischen Elefanten auf dem Bleichgarten (etwa da, wo sich heute der Tigerpalast und das alte Polizeigewahrsam befinden, nördlich der Neuen Zeil, westlich der Breiten Gasse) die Hauptattraktion.

 Im dicht bevölkerten Bleichgarten kam es dann auch Nachmittags zu den ersten Ausschreitungen und gleichzeitig tauchten plötzlich überall Randalierer-Trupps auf, teilweise aus Vorhängen ausgeschnittene rote Fahnen tragend und Batzenbier fordernd. Diese alkoholisierten Trupps stürmten nun eine Reihe von Wirtschaften und auch eine Polizeiwache.

Die kleine preußische Polizei-Truppe war damit überfordert und rief die, seit 1866 in Frankfurt in Garnison stehende Armee zur Hilfe, aber auch diese wurde anfangs nur dilettantisch eingesetzt, so dass die, überall über die Stadt verteilten, kleinen Einheiten von Soldaten immer öfter von der Schusswaffe Gebrauch machten. Vorsichtshalber aber hatte man wenigstens das Benack'sche Waffenlager in der Graubengasse geräumt, denn aus dessen Antiquitätengeschäft hatten sich schon bei den Straßenkämpfen 1848 die Revolutionäre bewaffnet. (Heinrich Benack 1818 - 1875).

Als die Soldaten die Fahrgasse heruntermarschierten, stieß man auf Höhe des Doms, alleine um den Dom herum befanden sich über 60 Wirtschaften, auf hunderte von vollkommen betrunkenen  Randalierern. Die Offiziere dachten nun: die sind ja alle betrunken, da schießen wir einmal in die Luft und die laufen alle nach hause; worin sie sich täuschten !

Die Betrunkenen dachten ganz anders: die schießen ja gar nicht auf uns ! Die haben ja gar keine Munition in ihren Gewehren !; und bedachten die Soldaten mit einem Steinregen. Die Soldaten feuerten nun scharf in die Menge und alleine 20, der insgesamt 21 an diesem Tag getöteten Randalierer (und zufällig vorbeikommenden Passanten), fielen auf dem Domvorplatz. Über 40 wurden schwer verwundet, von denen etliche in den folgenden Tagen amputiert werden mussten und zwei ihren Wunden in den folgenden Wochen noch erlagen.

Der Krawall drohte zu eskalieren, bis sich dann am Abend des 21. die Wirte nochmals zusammensetzten und beschlossen, den Bierpreis wieder auf 4 Kreuzer zu senken, das besänftigte die Gemüter.

Frankfurt stand für die nächsten Tage unter militärischer Besetzung, Hunderte von Soldaten biwakierten auf der Haupt - und auf der Konstablerwache. Für den folgenden Tag befürchtete man Ausschreitungen gegen die Bäckereien - der Brotpreis war natürlich auch gestiegen - so dass die Bäckereien erstmal geschlossen blieben. Hunderte von Randalierern wurden verhaftet, der Stadtwald wurde nach Versteckten durchforstet, dutzende von Batzenbier-Krawallern wanderten im Anschluss, zum Teil für Jahre in die Gefängnisse (ins Gefängnis Erbach und – zum Steineklopfen – ins Zuchthaus Dietz, wo die Häftlinge wenige Tage nach Ankunft der Frankfurter in einen Hunger- und Steineklopf-Streik traten) , der Gerichtspräsident hatte vor der Urteilsfindung die Geschworenen extra ermahnt, nicht „schwächliche Milde“, sondern männliche Strenge walten zu lassen und die kleine in Frankfurt stehende Polizeitruppe wurde noch 1873 mehr als verdoppelt, im Jahr darauf kam noch berittene Polizei hinzu.

Das diese Verdopplung genau das Ziel der Übung gewesen sein könnte und das die Regierung nur deshalb von Zeit zu Zeit die Verehrer der Kommune, gleich wilden Tieren gegen die erschrockene Bürgerschaft losläßt, mutmaßte der liberale Journalist Leopold Sonnemann in seiner Frankfurter Zeitung, denn obwohl rote Fahnen geschwenkt worden waren und Gefangene "es lebe die Kommune" geschrieen hatten, wurde kaum ein Sozialdemokrat erschossen oder verurteilt, noch gab es im Anschluss eine öffentliche Kampagne gegen die Sozialisten,  - eine Vermutung, für die er zwei Monate ins Gefängnis einrückte und außerdem von seinen konservativen Konkurrenten noch mit Spottgedichten bedacht wurde. Sonnemanns Schwager, Dr. Heßdörfer, Herausgeber der Frankfurter Handels- und Börsenzeitung  wurde wegen "hämischer Bemerkungen über die Exzesse" gleich die ganze Ausgabe konfisziert (er hatte geschrieben, die Frankfurter Polizei habe ganz bewusst die Wirtschaften nicht geschützt und dafür die „Soldateska“ wüten lassen) und die Zeitung hörte schon bald darauf auf zu existieren. Nicht verbieten konnte man den Figaro aus Paris. Der Figaro schrieb gleich den Ausbruch einer Revolution in vielen deutschen Städten herbei.  In Frankfurt, Wiesbaden und anderswo seinen die Revolutionäre die Arbeiter-Marseillaise (von Jakob Audorf 1864) singend durch die Straßen gezogen und aus Frankfurt wird von einem Dutzend gefallener Soldaten und Offiziere berichtet.

Eine österreichische Satirezeitung nahm es eher von der lustigen Seite und dichtete schon wenige Tage nach den Ereignissen in Frankfurt eine "Bier-Krawall Hymne", in der man ua. lesen kann: des Vaterlandes höchste Zier ist wohlfeiles und gutes Bier ... was nützt ein Bier dem armen Mann, das nur ein Rothschild kaufen kann.

Tatsächlich hatten Bierkrawalle nicht nur in Frankfurt stattgefunden. Nachdem die Frankfurter Brauer und Wirte den Bierpreis erhöht hatten, waren Offenbach und bald auch Darmstadt nachgezogen. Im Land Baden war die Erhöhung noch deutlicher, man erhöhte den Preis auf 5 Kreuzer (kr.) für den halben, und 3 kr. für den Viertel-Liter, ausgehend von 4 kr. in den Städten und 3 ½ kr. auf dem Land. Sozialdemokratische Komitees versuchten in Mannheim und in Konstanz einen Trinkerstreik zu organisieren, aber als der erhöhte Bierpreis am 16.April in Geltung kam, zogen tausende von Randalierern durch Mannheim, wo die dortige Aktienbrauerei ihren Aktionären erst wenige Tage vor dem Preisaufschlag eine Dividende in Höhe von 14 % ausgezahlt hatte, zertrümmerten Wirtschaften und lieferten sich Schlägereien mit Polizei und Militär, bloß waren die badischen Soldaten disziplinierter und feuerten nicht in die Menge. Am Morgen des 21.Aprils, dem Tag des Frankfurter Batzenbier-Krawalls, konnte man hier in der Zeitung lesen, dass der Mannheimer Stadtrat die Brauer bewogen hatte, die Preiserhöhung, teils teilweise, teils ganz zurück zu nehmen, was den Frankfurter Randalierern sicherlich ein Ansporn war. Ein erfolgreicher Trinkerstreik hingegen, hatte in Bruchsal stattgefunden, dort waren es aber gleich die Soldaten selbst gewesen, die eine Preissenkung erzwangen. Schon Ende März hatten tagelange Krawalle, die sich ausschließlich gegen jüdische Geschäfte richteten, in Stuttgart stattgefunden und das Würzburger Abendblatt vom 31.März 1873 mutmaßte, dass die sogenannte „Gründerzeit“, mit ihren unglaublichen Gewinnmöglichkeiten, für die Arbeiter nur erhöhte Preise und soziales Elend bedeutet hätte, was sich hier entlüde.

Gerade mal eine Woche nach den Frankfurter Ereignissen, rumorte es auch in Wiesbaden. Der Brotfabrikant Wagemann hatte zum wiederholten Male in kurzer Zeit, den Brotpreis erhöht. Das sorgte unter Wiesbadens Arbeitern, von denen viele, des schlechten Wetters wegen, arbeitslos waren, zu Missmut. Als man anfing, sich auf den Straßen zu sammeln, griff das Militär und die berittene Polizei mit blanken Säbeln durch, Hände und Finger wurden abgehackt, ein Kind verlor ein Ohr  und ein Demonstrant erlag seiner schweren Kopf-Verletzung. In Leipzig entluden sich die Krawalle im August 1873 fast eine Woche lang. Hier gingen etliche Wirtschaften zu Bruch, Geschäfte wurden geplündert und fast 300 Randalierer und Passanten wurden verhaftet und viele davon nach Schnellprozessen weggesperrt. Schon im November 1872 hat ein, tatsächlich sozialdemokratische motivierter, Wirtshauskrawall in Neu Isenburg stattgefunden, bei dem einige Wirtschaften zerstört worden waren und ein sozialdemokratischer Soldat von einem Wirt erschossen worden war. Auch hier folgten etliche Verhaftungen.

Aber auch einen Frankfurter Helden hat dieser Krawall hervorgebracht. Dies war der Leiter der 1.Polizeireviers in der Brückhofstraße, Polizei-Kommissar Bergmann. Nachdem er und fast alle seiner Polizisten schon von Steinwürfen verletzt worden waren, stand er, den Säbel in der Hand, Seite an Seite mit seinem Sohn, einem Unteroffizier der Dragoner, an der Mehlwaage und hielt solange die Krawaller in Schach, bis endlich eine Militärpatroullie die Fahrgasse herunter kam – diejenige, die dann das Massaker auf dem Domvorplatz anrichtete. Mehrere Wochen lang war er dienstunfähig, als er dann aber Ende Mai sein 25 jähriges Dienstjubiläum feierte, wurde ihm von dankbaren Bewohnern seines Polizeibezirks ein silberner Pokal verehrt, gefüllt mit 1000 Gulden in alten Frankfurter Silbermünzen. "Sehr viele anständiger Leute, namentlich die Arbeiter und Kleinbürger, haben selbstverständlich nichts dazugegeben", wie man in der sozialdemokratischen Presse lesen konnte. Bergmann hatte sich mit seinem persönlichen Einsatz aber nicht nur Freunde gemacht, viele Altstadtbewohner hatten gänzlich den Respekt vor ihm verloren und gerade einmal ein Vierteljahr später mussten Bergmann und seine Männer sich wieder mit gezogenem Säbel einer Menschenmenge erwehren, wieder an der Mehlwaage.

Zwei Jahre darauf wurde der Gulden entgültig von der Mark abgelöst und der Gulden, zu 60 Kreuzern wurde gegen 1,71 Mark umgetauscht und es stünde zu erwarten, dass die Wirte, nun mitten in einer Weltwirtschaftskrise, die eine Woche nach dem Batzenbier-Krawall begann, schon ihren Preis bekommen hätten, konnte doch kaum ein einfacher Arbeiter umrechnen, was das Bier nun in Pfennigen zu kosten hätte - "könnte" und "stünde" deshalb, weil 1875 auch die ersten Großbrauereien am Sachsenhäuser Berg gegründet wurden, die von Anfang an mit künstlicher Kühlung arbeiten und nun nicht mehr vollständig auf Natureis und den Winter zum Brauen angewiesen waren. Hatte es 1873 noch 180 Brauerein in Frankfurt gegeben, waren es im Jahre 1889 nur noch 17, das Bier war also eher billiger als teurer geworden.

 Den Bierpreis zu erhöhen, hatten Frankfurts Brauer übrigens schon zuvor probiert. Schon 1795 hatte es einen Bierkrawall mit anschließender tagelanger Schließung der Wirtschaften und einer Senkung des Bierpreises gegeben. Und auch 1854, mitten während einer der schlimmsten Hungersnöte, die Deutschland erlebt hat, erhöhten die Frankfurter Brauer den Bierpreis von 4, auf 4 ½ Kreuzer. Dies beantworteten die Frankfurter mit einem achttägigen Trinkerstreik, der die Wirte zum Einlenken brachte. Und - und hier schließt sich der Kreis - als die Sachsenhäuser Apfelwein-Wirte, die bereits 1880 erfolglos versucht hatten, den Schoppenpreis (Schoppen jetzt  3/8 Liter = 0,375 l) zu erhöhen, 1885 den Apfelweinring gründeten und den Schoppenpreis von 10 auf 12 Pfennige anhoben, reagierten die Apfelweingeschworenen, die Stammkunden der Wirte, ebenfalls mit einem Streik, was den Apfelweinring bewog sich aufzulösen und die Wirte bei ihren Kunden Abbitte zu leisten und die Preise wieder zu senken. Schon 1874 hatten die Wirte versucht zwischen dem viertel und dem halben Liter noch den 3/8 Liter einzuführen, was aber amtlicherseits nicht zugelassen worden war. Einige Apfelweinwirte waren aber schlau und schenkten ihr Stöffsche nicht länger in Bembeln, sondern auf - kleinere - Weinflaschen gezogen aus. Das bewog die Apfelweingeschworenen jetzt einen kleinen, in der Zeitung veröffentlichten, Vers zu verfassen:

Leuten die gerne roppen,

scheinen diese Schoppen

ein zu kleines Maß.

Weil es drum von Nöten

wird hiermit gebeten

um ein größeres Glas

Es ging also auch in Frankfurt anders.

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