Alexander Ruhe: Die Bley – Briefe im Sozialdemokrat 1882-85. Januar 2011

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Unter Bismarcks Sozialistengesetz war in Deutschland offene sozialdemokratische Pressearbeit unmöglich geworden. Zur Führung von parteiinternen Diskussionen und zur Koordinierung der Parteiarbeit im Untergrund blieb im Wesentlichen nur „der Sozialdemokrat“, dessen Redaktion in Zürich saß. Innerhalb Deutschlands gab es keine offiziellen Journalisten, weshalb die Beiträge von innerhalb des Reichs von anonym veröffentlichenden Briefautoren stammten. In den ersten drei Jahren des Sozialdemokrat, kamen so gut wie keine Berichte aus Frankfurt „dem Hauptherd der Agitation socialdemokratischer Bestrebungen“ (aus einem Polizeibericht von 1883), selbst aus Offenbach kam da mehr. Dominant in den Mitteilungen aus Deutschland waren Sachsen und vor allem Leipzig.

Ende 1882 ändert sich das. Von nun an wurden immer wieder die sogenannte „Bley-Briefe“ veröffentlicht, benannt nach dem Kommissar des Polizeireviers am Rossmarkt, Wilhelm Bley, dem, nach dem Leiter der politischen Polizei in Frankfurt, Polizeirat Rumpff, unter Frankfurts Sozialdemokraten wohl verhasstesten Polizisten der Stadt.

In diesen Briefen wurden, zum Teil sehr gehässig und auch unter der Gürtellinie agierend, sehr detailreich über die Polizeiarbeit und die Misserfolge, von Polizeipräsidenten Hergenhahn, Rumpff und Bley berichtet. „Die Bürgerschaft lachte und die Polizei war wütend.“ (wie man einige Jahrzehnte später in der Frankfurter Boulevard-Presse lesen konnte).

Aber auch über Gelächter hinaus scheinen diese Artikel Auswirkungen auf diese drei zu haben Hergenhahn, der seinen Vorgänger Madrai, der 1883 einen Schlaganfall erlitten hatte, nun auch als Leiter der Berliner Polizei und damit der politischen Polizei für ganz Deutschland, nachfolgen sollte, wurde unerwartet doch nicht dessen Nachfolger, während Kommissar Bley 1884 nach Berlin strafversetzt wurde. Als Rumpff 1885 einem Mordanschlag zum Opfer fiel, mussten städtische Beamte als Trauergäste dienstverpflichtet werden, damit die Beerdigung nicht zu kümmerlich ausfiel – das Frankfurter Bürgertum hatte sich dem Trauerakt demonstrativ fern gehalten.

 

Bley (* 03.Aug.1838 in Berlin), war von 1860-69 Unteroffizier in der preußischen Armee gewesen und wechselte dann als einfacher Schutzmann zur Berliner Polizei. Bis 1872 hatte er sich zum Kommissar hochgearbeitet und wurde als solcher 1877 nach Frankfurt versetzt, wo er gleich seinen privaten Kulturkampf führte, indem er den Katholiken den Aufmarsch zur Fronleichnamsprozession vor dem Dom verbot. Er stieg im Mai 1882 zum  Leiter des 4. Polizeirevieres auf (eines von neun in Frankfurt) wo er einen laxen Amtvorgänger ersetzte. Sein forsches Auftreten zog ihm "die bittere Feindschaft mehrerer Schutzleute" zu (aus einem Bericht der Staatsanwaltschaft vom Okt. 1884). Bley wurde von seinen Untergebenen denunziert mit Prostituierten zu verkehren und selbst in seinem Büro einer Wienerin "an die Geschlechtliche gefasst resp. die Hand unter den Röcken gehabt" zu haben. Bley gab auch Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten zu, wegen seiner durchwegs guten Zeugnisse kam er aber im Mai 1883 noch mal mit einem Verweis davon, nachdem er versprochen hatte sich zu bessern. Als aber im Juli 1883 dann der Sozialdemokrat über die Sache berichtete ("Die Sozialdemokratie wird schon dafür sorgen, dass die Angelegenheit dieses Herrn Bley, der sich im Leipziger Hochverratsprozesse hervorgetan, publik wird.") , wurde das preußische Innenministerium auf die Sache aufmerksam und ein Abgrund an Orgien, Korruption und Glücksspiel ja sogar Kindesmissbrauch und Mädchenhandel kam ans Licht.

Peinlicherweise hatte die entsprechende Ausgabe des Sozialdemokrat der Frankfurter Polizei nicht vorgelegen und es sich als unmöglich erwiesen, sie zu beschaffen, Polizeipräsident Hergenhahn ließ sogar extra die Wohnungen einiger Sozialdemokraten durchsuchen, aber umsonst, kleinlaut musste er das Ministerium um eine Abschrift bitten.  Bei einer dieser Hausdurchsuchungen wäre sogar beinahe der Frankfurter Korrespondent des Sozialdemokrats mit dem Manuskript seines neuesten Artikels in der Tasche verhaftet worden, aber eben nur beinahe. - Ein Disziplinarverfahren wurde gegen Bley eingeleitet und auch wenn nicht alle Vorwürfe bewiesen werden konnten, wurde er doch seines Amtes enthoben. Nach einigem Hin und Her, der unselige "Koalition" zwischen untergebenen Schutzleuten und der Sozialdemokratie gönnte man den Erfolg nicht, kam er aber dann doch mit einer Strafversetzung ganz glimpflich davon. Hergenhahn hätte ihn als "einen tüchtigen, wenn nicht gar dem tüchtigsten seiner Polizeikommissare" gerne auf seinem Posten behalten, kam damit aber nicht durch.

1904 konnte man allerdings lesen, Bley sei ohne Pension aus der Polizei entlassen worden und und einige Jahre zuvor mittellos in Berlin verstorben.

 

Aber nicht nur die Frankfurter Polizei war Ziel des Spottes und des Hasses der Bleybriefe, sondern auch Leopold Sonnemann und seine Frankfurter Zeitung, das Organ der Demokratischen Volkspartei in Deutschland. Hier konnte der Autor der Briefe, Alexander Kapp, nun aus dem Vollen schöpfen, denn hier kannte er sich aus, arbeitete er doch schon seit Jahren im Vertrieb dieses Blattes. Hier überschlugen sich dann aber auch die Hasstiraden Kapps, der, dessen jüdischer Herkunft wegen, seinen Chef nicht als Leopold, sonder als „Löw“ Sonnemann bezeichnete (und das im ganz bewusst anti-antisemitischen Sozialdemokrat). Kapp, der 1883 in die innere Organisation der deutschen Sozialdemokratie aufgestiegen war, ging 1885 nach München, was dann auch das Ende der Bley-Briefe bedeutete.

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