Alexander Ruhe: 1798 – Metzgersturm auf die Frankfurter Mehlwaage. Februar 2012

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Am Vormittag des 09.November 1798 wurde der Frankfurter Metzgermeister Koch in das Bürgerkustodie auf der Mehlwaage (heute Fahrgasse / Ecke Weckmarkt) eingeliefert, wegen einer „Unbotmäßigkeit“ sollte er acht Tage Arrest absitzen. Die Mehlwaage war kein Kerker, in dem man mit Bettlern und Verbrechern hätte sitzen müssen, sondern hier waren die Frankfurter Bürgersleut’ unter sich, hier saß man kürzere Haftstrafen ab und gleichzeitig war die Mehlwaage auch, was anderenorts der Schuldturm darstellte, ein Zwangsmittel der Gläubiger gegen ihre Schuldner.

Trotzdem war die Mehlwaage kein angenehmer Ort. Im Erdgeschoss (einen Keller gab es nicht) war, wie der Name ja schon sagt, die Frankfurter Mehlwaage untergebracht, an der die Bäcker von den Müllern das Mehl kauften. Hier ging es hoch her und oft mussten die Häftlinge den Mehlstaub, der von unten hochzog, einatmen. Das Haftlokal mit den Zellen lag in ersten Stock und in den Mansarden. Im zweiten Dachgeschoss war ein Lager für feuchte und gesalzene Tierhäute untergebracht und außerdem wimmelte es im ganzern Haus vor Ungeziefer. Man sah also auch schon damals die Mehlwaage als einen nicht wirklich angenehmen Ort an, wenn man sie auch nicht mit dem Schanzerkeller unter der Hauptwache oder mit den Turmgefängnissen in der Stadtmauer vergleichen konnte.

Koch wurde vom Gefangenenwärter Benjamin Ehlers in die Zelle Nummer 3 gesperrt, in der schon der Wirt Johann Georg Reifenstein saß. Koch zog hier zwar seinen Hut vom Kopf, die Jacke ließ er aber an – heute würde man vielleicht sagen: „das war im November, dem war einfach kalt“, aber so großzügig war man damals nicht und es war klar: wer sich noch nicht mal die Jacke auszieht vor einem anderen Bürger, von dem ist alles zu erwarten ! und so kam es dann ja auch.

Nachdem man sich bekannt gemacht hatte, ging Koch ans Fenster und schaute heraus. Unten ging gerade ein Metzgergeselle vorbei, den Koch anrief und ihm auftrug, seiner Kusine auszurichten, ihm das Mittagessen vorbei zu bringen. Der Geselle brachte dann allerdings nicht das Essen, sondern ein dutzend weiterer Gesellen mit, mit denen sich Koch beratschlagte. Diese liefen darauf zu den Metzgerschirnen (heute Kunsthalle Schirn) und bald darauf stürmten mehr als 100 Metzger, mit ihren Beilen bewaffnet, die Mehlwaage. Gefangenenwärter Ehlers zog es vor, den Metzgersturm nicht in der Mehlwaage abzuwarten, er eilte los, um vom Brückenturm zwei Mann zur Unterstützung zu holen. Er trug seiner Frau noch auf, auf die Gefangenen aufzupassen, und weg war er. Da er auch den Schlüssel mitgenommen hatte, konnte seine Frau den wütenden Metzgern die Tür nicht öffnen und sie schlugen diese dann mit ihren Beilen kurz und klein und, wo sie gerade schon dabei waren, auch die Fensterläden links und rechts. Die Metzger holten jetzt Koch aus seiner Zelle und trugen ihn im Triumph in ihr Viertel. Der Wirt Reifenstein blieb lieber da wo er war und informierte später die Obrigkeit darüber, was denn eigentlich vorgefallen sei, eine „Amtsperson“ war ja nicht dabei gewesen.

Jetzt aber macht der Rat ernst und er verurteilte die Metzgerzunft sie einer Geldstrafe von 600 Talern (900 Tagelöhnen eines Metzgergesellen), wenn sie Koch nicht auslieferten. Soweit, dass sie Geld dafür bezahlen würden, ging die Solidarität in der Metzgerzunft allerdings dann doch nicht, Koch wurde ausgeliefert und die Mehlwaage blieb die Mehlwaage und wurde nicht zur Frankfurter Bastille.

Keine gute Figur hatte bei dieser Geschichte der Aufseher Ehlers gemacht, ein paar Jahre darauf brachte es Ehlers sogar vom Aufseher, zum Häftling in der Mehlwaage. Schon seit einem halben Jahr war im März 1802 Anton Klein wegen betrügerischen Bankrottes in Haft. Eines Abends wurde er von seinen drei Neffen besucht, als dann noch ein Dienstbote Kleins Abendessen brachte, waren sie zu fünft in der Zelle. Als eine Stunde darauf vier Männer die Zelle auch wieder verließen, war Ehlers damit zufrieden. Als er später nach Klein schaute, musste er feststellen, dass nicht dieser, sondern einer der Neffen in der Zelle saß. Dieser Neffe sagte ihm, Klein sei in der Nachbarzelle, wo gerade ein anderer Häftling im Sterben lag. Ehlers setzte sich jetzt, bevor er nachschauen ging, erstmal zu Kleins Neffen aufs Bett und rauchte sein "Stümpchen" (eine Zigarre könnte man denken, diese waren 1802 aber noch gar nicht in Mode, deshalb wohl eher eine kurze Pfeife). Das war Frankfurts Obrigkeit aber zu viel, das sah noch Bestechung aus und Ehlers wanderte in eine seiner eigenen Zellen und wurde unehrenhaft entlassen. Allerdings appellierte Ehlers Frau nun an den Hohen Rat der Stadt Frankfurt und bat um Gnade, die ihm auch gewährt wurde. Nach einem Jahr Suspendierung, wurde er wieder angestellt.

Spätere Jahrzehnte prangten die menschenunwürdigen Bedingungen, die auf der Mehlwaage herrschten, an, ja bezeichneten diese als „die Bleikammern Frankfurts“. Man forderte den Abriss dieses unwürdigen Ortes, der ja sowieso nur den freien Blick auf den Dom verbauen (auch heute hängen rings um den Dom Plakate, die genau die Erhaltung dieses Blickes fordern, also ein elementares Bedürfnis der Frankfurter), hat aber alles nichts genutzt, erst in den Bombennächten des zweiten Weltkrieges ging die Mehlwaage unter, da allerdings nicht mehr als Gefängnis, sondern als Museum (also genau umgekehrt, wie die Nazis das sonst gehandhabt haben).

 

 

 

Sandsteinrelief am Haus gegenüber des alten Standortes

Hörbuch vom gleichen Autor

 

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