Alexander Ruhe: Der Frankfurter Querulant Karlchen Waßmann. März 2012

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Eine der schillernden Gestalten des Frankfurt des frühen 20. Jahrhunderts, war der Schauspieler, Selbstdarsteller, Dichter, Hungerkünstler, Naturapostel, Spiritist, Zeitungsherausgeber, Wunderheiler und Löwenbändiger Karl Waßmann.

 

Geboren wurde Karlchen, wie er weithin genannt wurde, 1885 in Karlsruhe (sagte er zumindest von sich selbst, andere sagen in Berlin), wo sein Vater Musiker am badischen Hofe war. Der frühe Tod seines Vaters beendete Karlchens schulische Karriere, denn er musste nun für die Mutter und die jüngeren Geschwister sorgen. Zu diesem Zwecke wurde er bei einem Anwalt als Bürogehilfe in Stellung gegeben. Neben der Arbeit her lernte er aber noch Sprachen und nahm Schauspielunterricht. Schon als 17 jähriger veranstaltete er Künstlerkonzerte (nach eigener Aussage sogar mit dem Prager Star-Violinisten Kubelik). Die Bürogehilfen-Karriere könnte dann endgültig seine erste Verwicklung in einen Strafprozess beendet haben. 1907 war der amerikanische Star-Anwalt Karl Hau aufgrund eines reinen Indizienprozesses, wegen Mordes an seiner Schwiegermutter zum Tode verurteilt worden. (Nachzulesen in dem großen Frankfurt-Roman Jakob Wassermanns: der Fall Maurizius.) Eine Welle der Empörung schwappte durch Deutschlands Presse und auf dieser Welle begann nun auch Waßmann zu schwimmen. Karlchen warf dem Staatsanwalt (der im Fall Maurizius durch diesen Prozess zum Oberstaatsanwalt aufsteigt) vor er habe mit der Geliebten Haus, dessen Schwägerin Olga Molitor, wohl ebenfalls eine Affäre gehabt. Das hörte der Staatsanwalt nicht gerne und er verklagte Karlchen – zum ersten mal genoss er deutschlandweite Aufmerksamkeit. Ob er damals auch schon die Aufmerksamkeit der beiden reichen Frankfurter Brüder Jean Babtist Müller-Herfurth und Gustav-Adolf Müller-Czerny errang, ebenfalls laute Empörer wegen des Falles Hau, die ihn beide später förderten, weiß ich nicht, aber 1910 kam er nach Frankfurt. Förderung haben sein jüngerer Bruder Hermann und er hier allerdings erst mal nicht erfahren und sie verlegten sich auf ausgedehnte und öffentliche Hungerkuren. Ausschließlich gehungert haben die beiden aber nicht, denn schon 1910 rückte Karlchen in Frankfurt für zweieinhalb Wochen ins Gefängnis ein, weil er einem Wirt vorgegaukelt hatte er würde sich – gegen 30 Mark am Tag – im Schumann-Theater 45 Tage lang lebendig einmauern lassen. Um gut gestärkt hinter die Mauer zu gehen, hatten die beiden drei Monate lang jeden Mittag bei dem Wirt anschreiben lassen. Um an Geld zu kommen, zog er durch Frankfurts Wirtschaften und verkaufte selbstverfasste Gedichte – die aber niemand haben wollte. Karlchen war aber kein Dummer, er besorgte sich eine dunkle Kutte und Sandalen und nur damit bekleidet zog er von da an durch Frankfurt und war jetzt wesentlich erfolgreicher beim Verkaufen und auch seine Vorträge die er hielt waren jetzt gut besucht.

 

 

Er kam zu viel Geld, verjuxte es aber gleich wieder, nicht zuletzt für Zeitungsanzeigen, die er in eigener Sache schaltete. 1911 gewann er wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit der Presse, als er den Papst beleidigte und deshalb in Gießen vor Gericht kam. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und im Anschluss von jubelnden Studenten , auf einem Pferd sitzend, im Triumphzug durch die Stadt geleitet. Waßmann kündigte an, seinen Anti-Rom-Kampf jetzt erst richtig aufzunehmen und machte sich auf eine Vortagsreise durch Deutschland. So gut wie in Gießen wurde er aber nicht überall aufgenommen, schon eine Woche später war es in Göttingen bei einem seiner Vorträge zu Krawallen und Massenverhaftungen gekommen. Ein Student zeigte Karlchen wegen einer Ohrfeige, die er von ihm erhalten hatte, an und er musste wieder für einen Tag einrücken.

Zurück in Frankfurt, gründete er eine Zeitung, den Freigeist, den er als Redakteur, Drucker und Zeitungsverkäufer in einer Person herausgab. Um diese Zeit herum lernte er Danny Gürtler, den Deutschland-weit anerkannten „König der Boheme“ kennen. Danny war recht wohlhabend und die nächsten drei Jahre gingen die beiden “Apostel“ kreuz und Quer durch Deutschland auf Tour. 1913 kehrte Waßmann nach Frankfurt zurück, wo er gleich wieder von sich reden machte. Er behauptete in seinem Freigeist, am städtischen Krankenhaus Frankfurts sei das Anti-Syphilis Medikament Salvarsan zwangsweise an Prostituierten als „Versuchskaninchen“ erprobt worden. In den folgenden Nummern seiner Zeitung machte er sich zum Anwalt der entrechteten Prostituierten und reihte sich ein in die Phalanx der Gegner des „Salvasan-Syndikats“, das die sozialdemokratische Volksstimme in Frankfurt am Wirken sah. Der Klinikleiter Dr. Herxheimer verklagte ihn nun wegen Beleidigung (das Salvasan zwangsweise an Prostituierten angewandt wurde stand gar nicht in Frage). Waßmann wurde bei diesem Prozess vom sozialdemokratischen Anwalt Paul Levi vertreten.

 

Karikatur des KPD-Vorsitzenden Levi von 1919

Levi hatte ein Vierteljahr zuvor Rosa Luxemburg in Frankfurt verteidigt und später noch den Frankfurter Matrosenführer Stickelmann. Der prominente Anwalt schien Waßmann aber eher geschadet als genutzt zu haben; statt der von der Staatsanwaltschaft geforderten sechs Monate wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Aber Waßmann hatte Glück (wenn man es so sehen will und Karlchen sah es so), der Krieg brach aus und er wurde begnadigt. Statt der Sträflingskluft, bekam er jetzt eine Uniform. Er zog aber nicht in den Krieg, sondern unter großem Tamtam in den Römer, wo er erst mal heiratete. An die Front musste er wohl nicht, denn selbst während des Krieges erschien eine „Kriegsausgabe“ des Freigeists. Auch scheint er Zeit zum Schreiben gehabt zu haben, denn noch 1918 erschien seine Autobiografie „die Abenteuer des Karlchen Ungeraten“. Nach dem Krieg startete er mit seiner Frau Hanni, einer Künstlerin die er im Zuge seiner Salvarsan-Kampagne kennengelernt hatte, eine Anti-Antisemitische Bewegung, mit regelmäßigen Kundgebungen am Heine-Denkmal im Frankfurter Anlagenring, aufmerksam verfolgt von Müller-Herfurth, unter dessen Protektion er jetzt zu stehen schien, jedenfalls wurden akribisch die Aktivitäten von Karl und Hanni Waßmann, ja selbst deren Ehekrisen in Müller-Herfurths „Fackel“ besprochen. Müller-Herfurth ist dadurch allerdings auch eines der „Sonnenkinder“ geworden, zumindest wurden auch seine Gedichte im Rahmen der Auftritte dieser Waßmann’schen Künstlertruppe von Hanni und Karlchen in Frankfurter Varietes vorgetragen. Anlässlich der Wahlen zur Nationalversammlung 1919 gründeten Waßmann und einige seiner Freunde und Mitstreiter die Sozialaristokratische Partei. Als deren Vorsitzender kandidierte Karlchen um einen Abgeordnetensitz. Mit einem fahrbaren Rednerpult zog er durch Frankfurt und hielt an den Straßenecken Wahlreden. Seine Position als Parteichef kam ins Wanken, als Karlchen eine Ergebenheitsadresse an den eben abgedankten Kaiser nach Holland geschickt hatte und der auch noch dankbar geantwortet hatte (Wilhelm konnte ja auch nur froh sein, über jeden Freund den er noch hatte), aber auch diese Krise überstand er. Als er sein Wahlziel verfehlte, witterte er Betrug und focht die Wahl an, allerdings ergebnislos. Das war dann auch das Ende der Partei und aus den Sozialaristokraten wurden die Christsozialisten.

 

Im April 1919 firmierte dann auch der Feigeist zur Liebe um und von nun an zog er – mit seiner Kutte bekleidet – durch Frankfurts Wirtschaften und fragte die Gäste, ob sie nicht seine Liebe kaufen wollten.

Durch jahrelange Erfahrung geschult wusste er auch auf jeden bissigen Kommentar eine Antwort und so wurde er zu einer Frankfurter Institution und Karlchen hatte offensichtlich viel Spaß daran. Um diese Zeit herum muss dann auch Waßmanns Sohn Manfred auf die Welt gekommen sein (Manfred hatte im Teenageralter mit einem Vater wie Karlchen nicht viel zu lachen, wie man bei Valentin Senger lesen kann, ist später im Krieg gefallen ).

1920 wandt Karlchen sein Augenmerk mehr und mehr auf Bad Homburg, dort wirkte der jüngere Bruder Müller-Herfurths, der schwerreiche Wunderheiler , Spritist und Zeitungsherausgeber Müller-Czerny, mit dem Karlchen sich nun anfreundete. Er hielt in Bad Homburg in dortigen Wirtschaften gut besuchte Werbevorträge für den Heiler und kündigte an , bei guter Führung in der Geisterwelt, werde er selbst bald in der Lage sein Tote wiederzuerwecken, das habe ihm der Geist von Martin Luther versprochen. Ob es tatsächlich zu Totenerweckungen gekommen ist, ist nicht überliefert. Dummerweise starben beide Müller-Brüder 1922, so dass ihm seine Presseplattform ein wenig abhanden kam, als aber der Frankfurter Generalanzeiger 1925 eine Umfrage nach dem prominentesten Frankfurter startete, brachte er es auf Platz fünf – immerhin. Mittlerweile hatte er sich auch ein anderes Kostüm zugelegt, statt der Kutte trug er jetzt eine Wandervogelkluft mit kurzen Hosen (sommers wie winters) und zog mit der grünen Fahne der Hoffnung, seine Zeitung verkaufend, durch Frankfurts Kneipenwelt. Seinen Schwerpunkt legte er dabei auf den Rotlichtbezirk der Frankfurter Altstadt und die Apfelweinwirtschaften Sachsenhausens und wer ihm einen Schoppen oder einen Brezel (frankfurterisch der Brezzel, bayerisch die Breezel) ausgab, bekam eines seiner Gedichte vorgetragen. Gelegentlich zog auch seine Frau Hanni los und fragte in den Wirtschaften , ob man nicht das „Organ ihres Mannes“ kaufen wolle.

Karl  Waßmann 1928

 

In seiner Liebe hatte sich Waßmann selbst zum deutschen Rasputin erklärt und er druckte (die Druckerpresse stand in seiner Wohnung im Riederwald) in seiner Zeitung nicht nur seine Gedichte und viele Anzeigen, sondern er teilte den Frankfurtern auch mit, was er so von der Welt dachte und was Waßmann so dachte, das war oft völkisch-braun.

Zu den Kommunalwahlen 1928 und 29 trat er wieder mit einer eigenen Partei an, dem Waßmann-Bund. Karlchen eiferte in seinem Wahlkampf unter dem Slogan „Gegner des Flachdachs wählt Waßmann“ gegen das Triumvirat Landmann-May-Asch und erzielte jeweils um die 1300 Stimmen (0,5%).

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, begrüßte er dies mit lobhudelnden Gedichten, aber die Nazis fanden einen, der eine Druckerpresse zu Hause stehen hatte wohl suspekt, bei denen fand er keinen Anklang. 1934 versuchte er nochmals aufzutrumpfen, wie  mehr als dreißig Jahre zuvor schon sein Vorbild Müller-Herfurth, stieg auch Karlchen nun -  als Schutzpatron Frankfurts - in einem Frankfurter Variete in einen Löwenkäfig. Der Dompteur konnte ihn nur schwer davon abhalten, dem Löwen seinen Kopf ins Maul zu stecken. 

 

Waßmann und Löwe im Schumanntheater

Auch auf dem Mainzer Fastnachtszug 1935 kam er nochmals groß heraus, aber dann wurde es still um ihn. 1939 wurde ihm, nachdem man ihm zuvor schon sein Praktizieren als Heilpraktiker verboten hatte nahegelegt, sich eine produktive Arbeit zuzulegen und nicht mehr mit seiner Fahne auf Kneipentour zu gehen. Wütend schrieb Karlchen einen bitteren Beschwerdebrief an den Gauleiter. Karl Waßmann, der auch gerne mal auf der Straße vor seiner Haustüre auf die Nazis schimpfte, wurde von diesen kurz nach Kriegsausbruch verhaftet und im 1941 in die österreichischen Euthanasieanstalt Hartheim verschleppt, von wo aus man ihn in die Euthanasieanstalt Hadamar brachte und ihn noch am Tag seiner Ankunft dort, dem 14.März 1941, ermordete.

Deutliche Parallelen gibt es zwischen dem Leben und Wirken und leider auch Sterben Waßmanns und dem des "Naturphilosophen" Carl Pitschaft, der sich ebenfalls in Frankfurt seinen Ruf als Paradiesvogel erarbeitet hatte, allerdings 100 Jahre vor diesem.

Waßmann hat in Frankfurt auch ein Denkmal erhalten (ein kleines), zu sehen ist er, zusammen mit Streichholz-Karlchen, an der Wand der Saalgasse 11. Vor seinem Haus, Am Erlenbruch 10, gibt es außerdem einen Stolperstein.

 

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