Alexander Ruhe: Der Frankfurter Querulant Karlchen Waßmann. März 2012

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

 

Eine der schillernden Gestalten des Frankfurt des frühen 20. Jahrhunderts, war der Schauspieler, Selbstdarsteller, Dichter, Hungerkünstler, Naturapostel, Spiritist, Zeitungsherausgeber, Wunderheiler und Löwenbändiger Karl Sigmund Waßmann.

      

Waßmann 1913  um 1918  und 1924

 

Geboren wurde Karlchen, wie er weithin genannt wurde, 1885 in Karlsruhe (sagte er zumindest von sich selbst, andere sagen in Berlin), wo sein Vater Musiker am badischen Hofe war. Der frühe Tod seines Vaters beendete Karlchens schulische Karriere, denn er musste nun für die Mutter und die jüngeren Geschwister sorgen. Zu diesem Zwecke wurde er bei einem Anwalt als Bürogehilfe in Stellung gegeben. Neben der Arbeit her lernte er aber noch Sprachen und nahm Schauspielunterricht. Schon als 17 jähriger veranstaltete er Künstlerkonzerte (nach eigener Aussage sogar mit dem Prager Star-Violinisten Kubelik). 1905 wurde dem in Karlsruhe polizeilich verboten weitere Vorträge zu halten, weil es immer wieder zu Krawallen unter den Zuhörern gekommen war.Der Karlsruher Polizeidirektor Seidenadel riet ihm: "Wenden Sie sich einer anderen Karriere zu!"

Die Bürogehilfen-Karriere könnte dann endgültig seine erste Verwicklung in einen Strafprozess beendet haben. 1907 war der amerikanische Star-Anwalt Karl Hau aufgrund eines reinen Indizienprozesses, wegen Mordes an seiner Schwiegermutter zum Tode verurteilt worden. (Nachzulesen in dem großen Frankfurt-Roman Jakob Wassermanns: der Fall Maurizius.) Eine Welle der Empörung schwappte durch Deutschlands Presse und auf dieser Welle begann nun auch Waßmann zu schwimmen. Karlchen warf dem Staatsanwalt (der im Fall Maurizius durch diesen Prozess zum Oberstaatsanwalt aufsteigt) vor er habe mit der Geliebten Haus, dessen Schwägerin Olga Molitor, wohl ebenfalls eine Affäre gehabt. Das hörte die Schwägerin nicht gerne und sie verklagte Karlchen – zum ersten mal genoss er deutschlandweite Aufmerksamkeit. Ob er damals auch schon die Aufmerksamkeit der beiden reichen Frankfurter Brüder Jean Babtist Müller-Herfurth und Gustav-Adolf Müller-Czerny errang, ebenfalls laute Empörer wegen des Falles Hau, die ihn beide später förderten, weiß ich nicht, aber 1910 kam er nach Frankfurt.

Seinen Abschied aus Karlsruhe beging er, indem er Zeitungsanzeigen schaltete, in denen er ankündigte, von seiner Wohnung bis zur Kaiserstraße zu fliegen und dies mit reiner Muskelkraft. Tausende von Schaulustigen hatten sich in strömendem Regen eingefunden um dieses Spektakel zu sehen, Waßmann indes saß schon im Zug nach Frankfurt. Auf dieser Zugreise lernte er Danny Gürtler kennen, den Deutschlandweit anerkannten König der Boheme, der Frankfurt 1908 ein Heinedenkmal hatte spendieren wollen.

 Förderung haben sein jüngerer Bruder Hermann und er hier in Frankfurt allerdings erst mal nicht erfahren und sie verlegten sich auf ausgedehnte und öffentliche Hungerkuren. Ausschließlich gehungert haben die beiden aber nicht, denn schon 1910 rückte Karlchen in Frankfurt für zweieinhalb Wochen ins Gefängnis ein, weil er einem Wirt vorgegaukelt hatte er würde sich – gegen 30 Mark am Tag – im Schumann-Theater 45 Tage lang lebendig einmauern lassen. Um gut gestärkt hinter die Mauer zu gehen, hatten die beiden drei Monate lang jeden Mittag bei dem Wirt anschreiben lassen. Ganz aus der Luft gegriffen war diese Idee übrigens nicht; schon in Karlsruhe hatte er sich 1905 einmauern lassen. Hier musste er allerdings schon nach 18 Tagen, ohnmächtig und mit hohem Fieber, aus seinem Verlies befreit werden. Um an Geld zu kommen, zog er durch Frankfurts Wirtschaften und verkaufte selbstverfasste Gedichte – die aber niemand haben wollte. Karlchen war aber kein Dummer, er besorgte sich eine dunkle Kutte und Sandalen und nur damit bekleidet zog er von da an durch Frankfurt und war jetzt wesentlich erfolgreicher beim Verkaufen und auch seine Vorträge, die er hielt waren jetzt gut besucht.

 

 

Er kam zu viel Geld, verjuxte es aber gleich wieder, nicht zuletzt für Zeitungsanzeigen, die er in eigener Sache schaltete. 1911 gewann er wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit der Presse, als er den Papst beleidigte und deshalb in Gießen vor Gericht kam. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und im Anschluss von jubelnden Studenten , auf einem Pferd sitzend, im Triumphzug durch die Stadt geleitet. Waßmann kündigte an, seinen Anti-Rom-Kampf jetzt erst richtig aufzunehmen und machte sich auf eine Vortagsreise durch Deutschland. So gut wie in Gießen wurde er aber nicht überall aufgenommen, schon eine Woche später war es in Göttingen bei einem seiner Vorträge zu Krawallen und Massenverhaftungen gekommen. Ein Student zeigte Karlchen wegen einer Ohrfeige, die er von ihm erhalten hatte, an und er musste wieder für einen Tag einrücken.

Zurück in Frankfurt, gründete er eine Zeitung, den Freigeist, den er als Redakteur, Drucker und Zeitungsverkäufer in einer Person herausgab.

Jetzt wand er sich Danny Gürtler zu. Danny war recht wohlhabend und die nächsten drei Jahre gingen die beiden “Apostel“ kreuz und Quer durch Deutschland auf Tour. "Das ist ein ungleiches Gespann, das nicht zusammengehört", wie man in einer Frankfurter Zeitung lesen konnte. 1913 - Gürtler war, nachdem er vom Fenster seiner Hamburger Wohnung aus eine Rede gehalten hatte und seine Zuhörer mit Orangen bewarf, in eine Geistesheilanstalt eingewiesen worden, die er auch nie wieder verließ - kehrte Waßmann endgültig nach Frankfurt zurück, wo er gleich wieder von sich reden machte. Er behauptete in seinem Freigeist, am städtischen Krankenhaus Frankfurts sei das Anti-Syphilis Medikament Salvarsan zwangsweise an Prostituierten als „Versuchskaninchen“ erprobt worden. In den folgenden Nummern seiner Zeitung machte er sich zum Anwalt der entrechteten Prostituierten und reihte sich ein in die Phalanx der Gegner des „Salvasan-Syndikats“, das die sozialdemokratische Volksstimme in Frankfurt am Wirken sah. Der Klinikleiter Dr. Herxheimer verklagte ihn nun wegen Beleidigung (das Salvasan zwangsweise an Prostituierten angewandt wurde stand gar nicht in Frage). Waßmann wurde bei diesem Prozess vom sozialdemokratischen Anwalt Paul Levi vertreten.

 

Karikatur des KPD-Vorsitzenden Levi von 1919

Levi hatte ein Vierteljahr zuvor Rosa Luxemburg in Frankfurt verteidigt und später noch den Frankfurter Matrosenführer Stickelmann. Der prominente Anwalt schien Waßmann aber eher geschadet als genutzt zu haben; statt der von der Staatsanwaltschaft geforderten sechs Monate wurde er zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Aber Waßmann hatte Glück (wenn man es so sehen will und Karlchen sah es so), der Krieg brach aus und er wurde begnadigt. Statt der Sträflingskluft, bekam er jetzt eine Uniform.

Er zog aber nicht gleich in den Krieg, sondern führte in seiner Zeitung den Kampft gegen Salvarsan weiter – als Paul Ehrlich 1915 starb, schrieb der Leiter der psychiatrischen Klinik Hohemark in einem Zeitungsartikel, das respektlose Auftreten Waßmanns beim Salvarsanprozess in Frankfurts habe zu Ehrlichs zu frühem Tod beigetragen. Nicht ganz unrichtig konterte Waßmann in seinem - jetzt deutschen - Freigeist, ohne das Aufbauschen dieses Falles durch die bürgerliche Presse und durch Paul Ehrlich, wäre es nie zu einem Prozess gekommen.

1916 wurde er dann doch eingezogen. Zuvor heiratete er noch im Frankfurter Römer.

 An die Front musste er wohl nicht, denn selbst während des Krieges erschienend weitere Ausgaben des Freigeists, der mittlerweile zum "deutschen Freigeist" geworden war. 1917 kehrte Waßmann endgültig aus Frankreich zurück .

Auch scheint er Zeit zum Schreiben gehabt zu haben, denn noch 1918 erschien seine Autobiografie „die Abenteuer des Karlchen Ungeraten“. Nach dem Krieg startete er mit seiner Frau Hanni, einer Künstlerin die er im Zuge seiner Salvarsan-Kampagne kennengelernt hatte, eine Anti-Antisemitische Bewegung, mit regelmäßigen Kundgebungen am Heine-Denkmal im Frankfurter Anlagenring, aufmerksam verfolgt von Müller-Herfurth, unter dessen Protektion er jetzt zu stehen schien, jedenfalls wurden akribisch die Aktivitäten von Karl und Hanni Waßmann, ja selbst deren Ehekrisen in Müller-Herfurths „Fackel“ besprochen. Müller-Herfurth ist dadurch allerdings auch eines der „Sonnenkinder“ geworden, zumindest wurden auch seine Gedichte im Rahmen der Auftritte dieser Waßmann’schen Künstlertruppe von Hanni und Karlchen in Frankfurter Varietes vorgetragen. Im April 1918 – noch während des Krieges - gründeten Waßmann und einige seiner Freunde und Mitstreiter die Sozialaristokratische Partei. Das schien der Obrigkeit nicht zu gefallen. Um ihn dafür abzustrafen wollte man ihn zwangsweise zur Arbeit in einer Munitionsfabrik schicken. Mit der Begründung, er habe einen Herzklappenfehler, verweigerte er dies. Wegen Beleidigung des Frankfurter Hilfsdienstausschusses erhielt er sechs Wochen Gefängnis. Als Vorsitzender der Sozialaristokraten kandidierte Karlchen Anlässlich der Wahlen zur Nationalversammlung 1919 um einen Abgeordnetensitz.  Mit einem fahrbaren Rednerpult zog er durch Frankfurt und hielt an den Straßenecken Wahlreden. Seine Position als Parteichef kam ins Wanken, als Karlchen eine Ergebenheitsadresse an den eben abgedankten Kaiser nach Holland geschickt hatte und der auch noch dankbar geantwortet hatte (Wilhelm konnte ja auch nur froh sein, über jeden Freund den er noch hatte), aber auch diese Krise überstand er. Seine Partei hatte in Adolf Plessener (1889-1943 Auschwitz), mit dem Wassmann während des Krieges in Frankfurt zusammengearbeitet hatte, sogar eine Ortsgruppe mit eigener Zeitung (der Galgen) in Berlin.

Als er sein Wahlziel verfehlte, witterte er Betrug und focht die Wahl an, allerdings ergebnislos. Das war dann auch das Ende der Partei und aus den Sozialaristokraten wurden die Christsozialisten.

 

Im April 1919 firmierte dann auch der Freigeist zur Liebe um und von nun an zog er – mit seiner Kutte bekleidet – durch Frankfurts Wirtschaften und fragte die Gäste, ob sie nicht seine Liebe kaufen wollten.

Durch jahrelange Erfahrung geschult wusste er auch auf jeden bissigen Kommentar eine Antwort und so wurde er zu einer Frankfurter Institution und Karlchen hatte offensichtlich viel Spaß daran. Um diese Zeit herum muss dann auch Waßmanns Adoptivsohn Manfred auf die Welt gekommen sein (Manfred hatte im Teenageralter mit einem Vater wie Karlchen nicht viel zu lachen, wie man bei Valentin Senger lesen kann, ist später im Krieg gefallen ).

1920 wandt Karlchen sein Augenmerk mehr und mehr auf Bad Homburg, dort wirkte der jüngere Bruder Müller-Herfurths, der schwerreiche Wunderheiler , Spritist und Zeitungsherausgeber Müller-Czerny, mit dem Karlchen sich nun anfreundete (erstaunlich, denn 1918 hatte Müller-Czerny ihn bei der politischen Polizei, als mit dem Feind in Kontakt stehend denunziert). Er hielt in Bad Homburg in dortigen Wirtschaften gut besuchte Werbevorträge für den Heiler und kündigte an , bei guter Führung in der Geisterwelt, werde er selbst bald in der Lage sein Tote wiederzuerwecken, das habe ihm der Geist von Martin Luther versprochen.

Anzeige von 1926

 Ob es tatsächlich zu Totenerweckungen gekommen ist, ist nicht überliefert. Dummerweise starben beide Müller-Brüder 1922, so dass ihm seine Presseplattform ein wenig abhanden kam, als aber der Frankfurter Generalanzeiger 1925 eine Umfrage nach dem prominentesten Frankfurter startete, brachte er es auf Platz fünf – immerhin.

 

Mittlerweile hatte er sich auch ein anderes Kostüm zugelegt, seine Kutte war wohl - wegen einiger exibizionistischer Auftritte Waßmanns 1924, für die er wieder ins Gefängnis ging - diskreditiert Statt der Kutte trug er jetzt eine Wandervogelkluft mit kurzen Hosen (sommers wie winters) und zog mit der grünen Fahne der Hoffnung, seine Zeitung verkaufend, durch Frankfurts Kneipenwelt. Seinen Schwerpunkt legte er dabei auf den Rotlichtbezirk der Frankfurter Altstadt und die Apfelweinwirtschaften Sachsenhausens und wer ihm einen Schoppen oder einen Brezel (frankfurterisch der Brezzel, bayerisch die Breezel) ausgab, bekam eines seiner Gedichte vorgetragen. Gelegentlich zog auch seine Frau Hanni los und fragte in den Wirtschaften , ob man nicht das „Organ ihres Mannes“ kaufen wolle.

Karl  Waßmann 1928

 

In seiner Liebe hatte sich Waßmann selbst zum deutschen Rasputin erklärt und er druckte (die Druckerpresse stand in seiner Wohnung im Riederwald) in seiner Zeitung nicht nur seine Gedichte und viele Anzeigen, sondern er teilte den Frankfurtern auch mit, was er so von der Welt dachte, und was Karlchen Waßmann so dachte, das war oft völkisch-braun.

 

1925 versammelte er 800 "Vagabunden" - vor allem ziehende Handwerkerburschen und Straßenmusikanten - auf dem Römer und ließ sich von diesen zum König der Vagabunden wählen.

Zu den Kommunalwahlen 1928 und 29 trat er wieder mit einer eigenen Partei an, dem Waßmann-Bund. Karlchen eiferte in seinem Wahlkampf unter dem Slogan „Gegner des Flachdachs wählt Waßmann“ gegen das Triumvirat Landmann-May-Asch und erzielte jeweils um die 1300 Stimmen (0,5%).

 

Wenn Waßmann befürchtete in Vergessenheit zu geraten, schaltete er auch schon einmal seine eigeneTodesanzeige.

 

Als 1933 die Nazis an die Macht kamen, begrüßte er dies mit lobhudelnden Gedichten, aber die Nazis fanden einen, der eine Druckerpresse zu Hause stehen hatte wohl suspekt, bei denen fand er keinen Anklang. 1934 versuchte er nochmals aufzutrumpfen, wie  mehr als dreißig Jahre zuvor schon sein Vorbild Müller-Herfurth, stieg auch Karlchen nun -  als Schutzpatron Frankfurts - in einem Frankfurter Variete in einen Löwenkäfig. Der Dompteur konnte ihn nur schwer davon abhalten, dem Löwen seinen Kopf ins Maul zu stecken. 

 

Waßmann und Löwe im Schumanntheater

Auch auf dem Mainzer Fastnachtszug 1935 kam er nochmals groß heraus, aber dann wurde es still um ihn. 1939 wurde ihm, nachdem man ihm zuvor schon sein Praktizieren als Heilpraktiker verboten hatte nahegelegt, sich eine produktive Arbeit zuzulegen und nicht mehr mit seiner Fahne auf Kneipentour zu gehen. Wütend schrieb Karlchen einen bitteren Beschwerdebrief an den Gauleiter. Karl Waßmann, der auch gerne mal auf der Straße vor seiner Haustüre auf die Nazis schimpfte, wurde von diesen kurz nach Kriegsausbruch verhaftet und im 1941 in die österreichischen Euthanasieanstalt Hartheim verschleppt, von wo aus man ihn in die Euthanasieanstalt Hadamar brachte und ihn noch am Tag seiner Ankunft dort, dem 14.März 1941, ermordete.

Deutliche Parallelen gibt es zwischen dem Leben und Wirken und leider auch Sterben Waßmanns und dem des "Naturphilosophen" Carl Pitschaft, der sich ebenfalls in Frankfurt seinen Ruf als Paradiesvogel erarbeitet hatte, allerdings 100 Jahre vor diesem.

Sein Grab fand Karl Waßmann auf dem Frankfurter Hauptfiredhof. Es befand sich, von der Ratbeilstraße kommend, an der Gruftenreihe vorbei gleich links.

Waßmann hat in Frankfurt auch ein Denkmal erhalten (ein kleines), zu sehen ist er, zusammen mit Streichholz-Karlchen, an der Wand der Saalgasse 11. Vor seinem Haus, Am Erlenbruch 10, gibt es außerdem einen Stolperstein.

 

 

 

"Wirke so lang es Tag ist, denn es kommt die Nacht, da niemand wirken kann"

Karl Waßmann 1913

Hörbuch vom gleichen Autor

 

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