Alexander Ruhe: 1909 - August Euler und die Frankfurter Luftschifffahrtsaustellung . April 2021

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

 Noch viel mehr als unsere Zeit waren das Ende des 19. und der Anfang des 20. Jahrhundert die Zeit der bahnbrechenden Erfindungen. Wandten sich die - wohlhabenden  - Sportsmänner und -frauen anfangs ausschließlich dem Automobil zu, war bald schon das Flugzeug noch viel interessanter geworden. So zum Beispiel der Frankfurter Radfahrweltmeister Franz Verheyen, der 1901 als erster in Deutschland mit dem Auto zu seiner Hochzeit  gefahren war (im Römer), der danach vielbeachteter Autorennfahrer und ab 1908 einer der ersten deutschen Flugpioniere wurde.

Wesentlich bekannter als Verheyen aber wurde August Euler. Ebenfalls erst Rad- dann Autorennfahrer, wurde auch er 1908 Flugpionier.

1908 war das Fliegen in aller Munde. Nachdem in Paris eine Luftfahrtausstellung stattgefunden hatte, sollte es so etwas nun auch in Deutschland geben. Nachdem der Magistrat Münchens dankend abgelehnt hatte, griff der Frankfurter Magistrat beherzt zu - 1910 sollte in der Festhalle eine große Avionik-Ausstellung stattfinden. Aber was waren eineinhalb Jahre Vorlauf bei einer derart jungen Technologie - und tatsächlich schaffte man es, die Ausstellung schon im Sommer 1909 stattfinden zu lassen (Juli bis Oktober).

Wie auch schon bei der jungen Automobil-Industrie gab es auch bei der Luftfahrt von Anfang an eine Rivalität zwischen Frankreich und Deutschland. Frankreich war das Land des Flugzeugs, hatte doch der erste Motorflug Ende 1906 dort stattgefunden (das die Gebrüder Wright in den USA schon früher geflogen waren ist erst danach  bekannt geworden) und Deutschland das Land der Luftschiffe, weshalb aus der Frankfurter Luftfahrtsausstellung natürlich eine Luftschifffahrtsaustellung wurde.

Da gab es aber nun ein Problem; obwohl die Frankfurter aus ihrer Ausstellung die internationale Luftschifffahrt Ausstellung (ILA) machten, kümmerte sich der Star der deutschen Luftschifffahrt, Graf Zeppelin, so gar nicht um Frankfurt - trotz allen Anbiederns der Organisatoren.

Von ein paar zu reichen Industriellen mal abgesehen, die nach dem extravaganten Auto nun ein noch extravaganteres Flugzeug haben wollten, gab es damals für Luftschiffe und Flugzeuge nur einen einzigen Kunden - das Militär. Und während das französische Militär auch schon 1909 mit Flugzeugen experimentierte, baute das deutsche Militär noch voll auf die Starrluftschiffe zeppelinscher Bauart.

Die innerdeutschen Konkurrenten Cloth und Parseval waren mit ihren Prallluftschiffen (das sind die, die man als Werbeträger auch heute noch manchmal über Frankfurt fliegen sehen kann) auf der ILA anwesend und der kluge Graf Zeppelin wollte sich vor den Augen seines Hauptkunden wohl nicht zu deutlich mit dem Mitbewerb messen lassen. Als Zeppelin wegen der Überführung eines seiner Armee-Luftschiffe nach Köln Frankfurt und die ILA einfach nicht mehr vermeiden konnte, nutze das Parseval-Luftschiff auch gleich die Chance zu einer unfreiwilligen Wettfahrt mit dem Zeppelin - und gewann. Über ganz Frankfurt stiegen damals Zeppeline auf, im Schumann-Theater allabendlich, auch im Kino,  in Wirtschaften, im Kaufhaus Wronker auf der Zeil - bloß auf dem ILA-Gelände nicht.

Die Ausstellungsleitung versuchte zwar noch dem Zeppelin den nötigen Wasserstoff zum Nachfüllen vorzuenthalten (dabei hatte man zur schnelleren Gaslieferung für die Luftschiffe extra für 50.000 Mark ein Eisenbahngleis bauen lassen), aber so bald es nur ging, war der Zeppelin wieder weg und die Ausstellungsleitung musste sehen wo sie neue Attraktionen herbekam, um das zahlende Publikum, das die Ausstellung ja finanzieren musste, auf das Gelände der Festhalle zu bekommen. Nur mit den Prallluftschiffen, die auch schon mal abstürzten und mit Ballonaufstiegen, war es nicht getan und noch nicht einmal der Kaiser wollte kommen, obwohl er gerade in Königstein und Cronberg war.

In der Festhalle wurde allerlei rund um die Luftfahrt präsentiert und auch hier stand das Militärische im Mittelpunkt - Ballonabwehrgeschütze zum Beispiel (auf dem Bild unten sind gleich drei abgebildet), außerdem noch Motoren und Stahlseile und das war nichts wegen dem das zahlende Publikum kam.

Auch die Drachenflieger, für die man auf dem ILA-Gelände extra einen 10 Meter hohen Absprunghügel aufgeworfen hatte, sorgten eher für Belustigung. Kaum einer der Drachen machte mehr als 2-3 Sprünge, bevor er sich überschlug und in Trümmer ging.

Jetzt hoffte man auf die Flugzeuge und lobte eine ganze Reihe von Fliegerpreisen aus, der höchste, der schnellste, der weiteste Flug usw. sollten prämiert werden. Es stand nur zu befürchten, dass französische und belgische Piloten alle Preise abräumen würden. Die Gebrüder Wright, denen man wohl gerne einen Preis verliehen hätte, hatten zwar ein Flugzeug zur ILA nach Frankfurt geschickt, als aber einer der beiden Brüder tatsächlich nach Deutschland kam, um sein Flugzeug vorzuführen, zog er es vor, nachdem er sich die ILA angeschaut hatte und eine Rundfahrt mit dem Zeppelin mitgemacht hatte (im September war nochmals für ein paar Tage ein Zeppelin auf der ILA, Frankfurt hatte angeboten, einen großen Luftschiff-Flughafen zu bauen) den Flugapperat mit der Bahn nach Berlin bringen zu lassen, um dort eine Flugvorführung zu geben - nicht gut!

  

Außer der Flugwoche in Berlin gab es aber zeitgleich mit der ILA noch einen ganzen Schwung weiterer Flugveranstaltungen in Frankreich, Italien, England und der Schweiz und noch nicht einmal der Frankfurter Verheyen flog auf der ILA.  Stattdessen absolvierte er im September 1909 einen 1500 Meter-Flug in lssy-les-Moulineaux, ganz in der Nähe von Paris.

Da blieb nur ..."August Euler, der am weitesten fortgeschrittene deutsche Aviatiker", wie man in einer Frankfurter Zeitung lesen konnte, zumindest der einzige deutsche Flieger, der auch mit einem in Deutschland gebauten Flugzeug antrat - alle anderen flogen französische Modelle.

Anfangs tat Euler sich schwer. Man hatte zwar einiges für die Luftschiff-Infrastruktur investiert, eine befestigte Startbahn gab es auf dem Festhallengelände aber nicht, so dass Euler von einer feuchten Wiese aus starten musste. Gleich bei einem seiner ersten Versuche blieb er an einem der riesigen Betonanker für den Zeppelin hängen und sein fragiler Flugapperat ging in Stücke. Bei einem nächsten Versuch hob er zwar ab, rammte aber beinahe die Zeppelinhalle. Ein anderes Mal flog ihm seine Mütze vom Kopf, diese landete im Propeller und beschädigte ihn, man sah Euler also viel öfter beim Schrauben auf der Wiese, als in der Luft.

An Spott über Euler herrschte kein Mangel. Als die sozialdemokratische Volkstimme aber dann textete: "August lass das Fliegen sein", verklagte er sie auf Schadensersatz (überhaupt entwickelte er sich zu einem richtigen Prozesshansel. 1919 verklagte er zum Beispiel die revolutionäre Rote Matrosengarde Frankfurts auf Rückgabe einiger beschlagnahmter Bettlaken).

Aber dann flog er doch. Länger als 3-4 Minuten konnte er nicht in der Luft bleiben, da sein ungekühlter Motor sonst heiß gelaufen wäre und höher als 10 Meter ist er auch nicht gekommen, aber die Frankfurter waren begeistert und Euler räumte die Preise ab - gleichzeitig allerdings überquerte ein Franzose im Flugzeug den Ärmelkanal.

In Frankfurt machte man nun aber keine halben Sachen mehr; die ILA wurde um zwei Wochen verlängert, es wurden Preise von über 300.000 Mk. ausgelobt, Sonderzüge von Italien und Frankreich zum Flugzeugtransport eingerichtet und die internationalen Piloten kamen. Die ILA war von der Luftschiff- zur Flugzeug-Ausstellung geworden und August Euler brachte es mit seinem Voisin-Flieger sogar in die Werbespalten, wo ansonsten der Zeppelin dominierte.

Trotz alle dem: Nur der Zeppelin zählte! Es gab Zeppelin Wurst (bis heute), Zeppelin Seife, Zeppelin-Zigarren, eine Zeppelin-Allee (umbenannt noch während der ILA),  Zeppelin überall. Wenn der Zeppelin über Frankfurt flog, waren die Straßen schwarz vor Menschen und der Figaro aus Paris titelte Frankfurt betreffend: Deutschland im Zeppelin-Wahnsinn!

Aber obwohl es zum Abschluss der ILA ein "Bombardements-Feuerwerk" mit dem Titel:"Das Zeppelin-Luftschiff im Kampfe" gab, das deutsche Militär interessierte sich jetzt auch für Flugzeuge. Ende 1909 durfte der Frankfurter August Euler auf einem Militärgelände in der Nähe von Darmstadt seine Doppeldecker erproben, während der Frankfurter Franz Verheyen auf einem Militärgelände in der Nähe von Mainz französische Eindecker erprobte. Ohne Frankfurter Know-How ging es also auch damals schon nicht.

Euler erfand noch 1909 einen Mechanismus, mit dem man mit einem Maschinengewehr durch den Propeller hindurchschießen konnte und wurde damit reich (noch reicher) - nachdem er 1915 das deutsche Militär auf Lizenzgebühren verklagt hatte. Franz Verheyen blieb nicht bei der Fliegerei, er hatte schon um 1900 eine Fahrradfabrik in Frankfurt begründet und betrieb einen schwunghaften Fahrrad-Teile Versandhandel. Gleichzeitig eröffnete sich Zeppelin noch 1909 auch den zivilen Markt. Im November wurde die Deutsche Luftschifffahrts AG für den Personentransport mit Hauptsitz in Frankfurt gegründet.

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