Alexander Ruhe: Der große Frankfurter Pazifist - Edward Stilgebauer. Februar 2019

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Schon seit 2010 plante ich, ähnlich wie ich das auch mit den Frankfurter Revolutionären, Bill Groenke und Hermann Stickelmann getan hatte, eine Doppelbiographie zu Paul Levi und Edward Stilgebauer zu verfassen. Nachdem ich seitdem seit bald zehn Jahren fast jeden Monat etwas Neues über die Matrosenführer herausfinden und veröffentlichen konnte, lag die andere Biografie brach, ganz besonders über Stilgebauer gibt es wenig, bis gar nichts zu Tage zu fördern. Dabei war eigentlich er die schillernde Gestalt unter den Vieren. Nachdem man mittlerweile über den Sozialdemokraten, dann Kommunisten und wieder Sozialdemokraten Levi doch so einiges finden kann, will ich jetzt wenigstens das Wenige, dass ich zu Edward Stilgebauer habe finden können veröffentlichen.

Edward Stilgebauer war ein erstaunliches literarisches Talent, der konsequent gegen den Zeitgeist schrieb und damit genau den Nerv seiner Zeit traf.

 Stilgebauer wurde 1868 in Frankfurt als Sohn des damals recht bekannten Pfarrers der Katharinenkirche Otto Stilgebauer geboren. die Familie lebte, wie schon die eines anderen bekannten Frankfurter Schriftstellers im Hirschgraben. In erster Ehe heiratete er die 21 Jahre ältere Marie, als diese 1910 gestorben war, heiratete er im Jahr darauf die 1878 geborene Marta, mit der er auch ein Kind bekam.

Schon früh schrieb und veröffentlichte er auch. 1901 wurde Stilgebauer Chefredakteuer der - Mainstream - Frauenzeitschrift "zur guten Stunde". Dafür zog er nach Berlin. 1905/06 kehrte er aber wieder nach Frankfurt zurück.

Als er aber dann, bis dahin eher unbeachtet, 1905 seinen autobiografischen Roman Götz Krafft veröffentlichte, mehrere tausend Seiten in Samt gebunden, schlug der ein wie eine Bombe. Götz Krafft war nicht nur eine Homage an Stilgebauers Kindheit in der Frankfurter Altstadt, Götz Krafft war der erste offen anti-antisemitische, antiburschenschaftliche Roman Deutschlands! Zwei Jahre darauf schrieb er den "Eisenbahnkönig" einen Roman über den Untergang eines jüdischen Börsenspekulanten, in dem man Züge von Leopold Sonnemann, aber auch des Baron Erlanger erkennen konnte. Der Eroberer von 1909, ein Roman über einen betrügerischen Offizier kam bei der Kritik nicht gut an. 1910 folgte ein weiterer "Frankfurt-Roman", die neue Stadt, ein Roman über politische Intrigen und die Immobilienspekulation im Zuge des Altstadt-Durchbruches der Braubachstraße. 1911 dann, in der Reihe "Die Lügner des Lebens" Purpur, ein, nur wenig verbrämter, Roman über den Selbstmord des Bayernkönigs Ludwig II., ein Thema, das zu Zeiten der Monarchie noch totgeschwiegen wurde. 1912 wieder ein Frankfurt-Roman mit Pastor Schröder, eine Abrechnung mit den Frankfurter Pfarrern Battenberg und Teichmann. 1913 schob er mit "Harry" einen - von der Kritik geschmähten - Roman über Heinrich Heine nach.

Seiner Popularität auch nicht geschadet hat der "Sitten-Roman" Ulla Ull, in dem es um homoerotische Erfahrungen und den Selbstmord eines Adeligen geht. Dieser Roman wurde in Deutschland verboten und konnte erst nach dem Krieg wieder erscheinen, dann aber auch gleich auf Englisch und Französisch. 

1914 ging er ins selbstgewählte Exil in der Schweiz. "Er rückte nicht ein, sondern aus", wie man nach dem Krieg in einer Frankfurter Zeitung lesen konnte. Er schrieb dort weiter unter anderem die Romane Inferno 1916 (übersetzt in 17 Sprachen) und das Schiff des Todes 1917, in dem es um die Versenkung des Passagierdampfers Lusitania durch ein deutsches U-Boot geht. In beiden Werken als auch in vielen Gedichten wird die Kriegsschuld Deutschlands betont - Stilgebauer schrieb in der Tat gegen den Zeitgeist. Er sah sich als Staatsbürger und nicht als Untertan.

In die Schweiz zu gehen fiel ihm nicht schwer, denn schon Ende der 1880er war er, erst als Student, dann als Lehrer der deutschen Sprache und Literatur an die Universität in Lausanne gegangen und hatte dort lange Jahre gelehrt.

             

Aber obwohl im Exil, veröffentlichte er, der "undeutsche Deutsche" (Kölnische Zeitung 12.April 1916),  zwischen 1917 und 1920 67 Artikel in der Freien Zeitung  . Damit war er, nach Ernst Bloch, der meistgedruckte Autor dieses Schweizer Exil-Blattes. vor 1914 hatte er schon europaweit für die Frankfurter Zeitung gearbeitet

 So zum Beispiel aus einem Artikel vom 06.Juni 1918:

"Man hielt uns Deutsche für edel. Das ist schon so lange her. Es war vor dem Einfall in Belgien. ... . Man hielt uns Deutsche für ritterlich, bevor wir die Lusitania versenkten und Fliegerbomben auf offene Städte geworfen hatten!. Man hielt uns Deutsche für menschlich, bevor wir den Türken freie Hand in Armenien ließen und ganze Bevölkerungsteile okkupierter Gebiete in die moderne Sklaverei und Deportation verschleppten. ... . Man hielt uns Deutsche für tapfer, bevor wir das Stickgas und das U-Boot für völkerrechtliche Kriegswaffen erklärten. Man hielt uns Deutsche für mutig, bevor wir in tausenden Schriften zu beweisen versuchten, dass nicht wir, sondern die anderen diesen Krieg gewollt hätten."

Aus einem von Stilgebauer stammenden Artikel in der, während des Krieges in Zürich erscheinenden, Friedenswarte, vom Juni 1917:

"Das geistige Deutschland war noch in keinem Jahrzehnt tot, auch in dem von 1914 bis 1924 nicht, das lasst Euch gesagt sein, Ihr alle, die es Euch angeht an der Themse und an der Seine, am Tiber und an der Newa, an der Donau und an der Spree, ja auch ihr im verbündeten Sofia und am gefügigen goldenen Horn. Es harrt nur des Tages da es brechen wird, des langen Schlummers Bande und wieder fordern sein geheiligt Recht!"

Aber auch nach Kriegsende bot er weiter Reibungspunkte. 1920, am Tage des Einmarsches französischer und belgischer Truppen nach Frankfurt, schrieb er in einer Schweizer Zeitung (auf französisch): Nach den ersten Tagen des Erschreckens, würde man in Frankfurt, das ja schon so oft von den Franzosen besetzt worden sei, die Ordnung der Entente, dem neupreußischen Chaos vorziehen. Dafür musste er sich als "Renegat" beschimpfen lassen.

Nach dem Krieg wurde aus dem Vielschreiber Stilgebauer ein Sehr-Vielschreiber. Hatte er schon zuvor drei bis vier Romane, Theaterstücke, Erzählungen und Gedichtsbände im Jahr veröffentlicht, reichte ihm sein eigener Name nun nicht mehr und er legte sich eine ganze Reihe von Pseudonymen zu, unter denen er nun, neben seinem eigenen Namen, veröffentlichte. So wurde aus Stilgebauer auch Fedor Liubow, der Romane über das Russland der Revolution und die russische Imigrantenszene schrieb, Claud Constant für das Halbpornografische, er schrieb aber auch als Forest White.

1922 wird sein "Liebesnest", erschienen 1908, verfilmt, mit dem damaligen Kinostar Paul Wegener in der Hauptrolle.

 

eNach der Machtergreifung der Nazis ging er 1933 wieder ins Exil, nach Italien, wo er wohl schon seit 1924 in St.Remo eine Wohnung besaß. Die Nazis haben ihn aber nicht vergessen. Als am 10.Mai 1933 überall die Scheiterhaufen brannten, brannten auch seine Bücher. In Frankfurt war es der Universitätspfarrer Otto Fricke, der den undeutschen Geist austreiben wollte. Auf dem Frankfurter Römer hielt er, auf einem Ochsenfuhrwerk voller Bücher stehend seine Brandrede und warf ein Buch nach dem anderen in die Flammen, die auf dem Rathausplatz loderten. In diesen Flammen verging auch der freie Geist des Frankfurters Edward Stilgebauer. Mit dem Austreiben des Anti-Nazi-Geistes waren die Nazis durchaus erfolgreich.

Ganz besonders seine Ende der zwanziger Jahren erschienen Werke scheinen restlos ausgelöscht zu sein - auf Deutsch! In englischer Übersetzung, bei amerikanischen Verlagen erschienen, findet man sie antiquarisch ganz problemlos, dort hat einfach keine Bücherverbrennung stattgefunden. Der Brockhaus von 1934 macht aus Stilgebauer einen bloßen Unterhaltungsautor. Für seine Werke bis 1918 kann ich dies nicht gelten lassen, seine Werke aus der Zeit der Weimarer Republik sind leider auf deutsch weitgehend unauffindbar.

Ebenfalls 1934 wurde Stilgebauer von den Nazis die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. 1937 wurden dann auch seine Frau und seine Tochter ausgebürgert.

Stilgebauer, der schon 1936 im Exil gestorben war ("nach langer schwerer Krankheit"), dem die Nazis aber trotzdem noch  - posthum - die Doktorwürde aberkannten, ist bis heute vergessen, seine Bücher werden nicht mehr gedruckt und selbst in seiner Heimatstadt hat man ihn vergessen, als es 2002 galt die verbrannten Autoren auf einer Plakette auf dem Römer zu ehren. Anders mit dem Bücherverbrenner Otto Fricke. Dieser war nach dem Krieg Gründungsmitglied der Frankfurter CDU und das "C" - für christlich - soll mit auf Pfarrer Fricke zurückgehen. Im Taunus ist bis heute ein Krankenhaus nach Fricke benannt, an Stilgebauer erinnert noch nicht einmal eine Straße in Frankfurt. Und als seine - 1979 in Italien lebende - Tochter Irma (Erna Irmgard), nach einigen Inflationen dort, in finanzielle Schwierigkeiten geraten war und der Stadt Frankfurt den Nachlass ihres Vaters anbot, schien ihn hier schon niemand mehr zu kennen. Der Nachlass ist heute verschollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Wir selber sind nichts, wir wissen nichts vom Anfang und nichts vom Ende, wir können nur dem Unbegreiflichen der inneren Stimme folgen, die uns ruft"

Edward Stilgebauer - Götz Krafft Band 4

 

 

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