Alexander Ruhe: Friedrich August Müller-Rentz, der Lauscher an der Wand.  Juni 2011

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

 

Frankfurts erster Reporter

 

Geboren wurde Friedrich August Müller-Rentz am 02.November 1830 in Frankfurt. Fritz besuchte das hiesige Gymnasium und studierte anfänglich kath. Theologie in Würzburg. 1847 erkannte er aber, dass es einen großen Bedarf an Stenografen gäbe und wandt sich der Stenografie zu. Er wurde einer der Stenografen der Nationalversammlung. Später arbeitete er als Kammer-Stenograf in Weimar, Gotha und Darmstadt, war einige Jahre Sekretär des Fröbel-Instituts wurde dann für eine Zeit lang Lehrer am Philantropin und dann Berichterstatter und vor allem journalistischer Stenograf für Frankfurter Zeitungen.

1852 begann er am Frankfurter Journal und schon 1853 wurde er, durch Fröbels Vermittlung, Korrespondent des in St. Louis erscheinenden „Anzeiger des  Westens“ (In Deutschland häufig beschlagnahmt)

 

Auf der 9. deutschen Polizeikonferenz, im Februar 1855 wird Müller-Rentz (damals noch ohne Rentz) als Mitglied einer Frankfurter "Geheimgesellschaft" von Demokraten aufgeführt, der sich besonders in der Turnerbewegung engagiere. Der preußische Geheimdienstspitzel und Redakteur der Frankfurter Nachrichten Zirndorfer berichtet gleichzeitig an seine Vorgesetzten, Müller-Rentz arbeite als Spitzel der Frankfurter Polizei.

 

Seine Geschichte als Berichterstatter im eisernen Ofen des Magistrats erzählte er selbst oft und gern. Sie fand 1856 statt und er plauderte in den Frankfurter Zeitungen Details über einen Kulturvertrag zwischen Frankfurt und Frankreich aus, die er im Ofen sitzend mitgehört hatte. So etwas hatte Frankfurt noch nicht erlebt, Journalisten gab es hier schon vor ihm, Reporter nicht.

 

Am 24.Juli 1860 heiratete er, der Herr Müller, eine Frau Rentz. Seine Frau  und er bekamen (mindestens) 10 Kinder, das zehnte wurde am Tage seiner silbernen Hochzeit getauft. Zwei seiner Söhne wurden ebenfalls Journalisten, sein Erstgeborener Jean Babtist Müller Herfurth (der sich am Anfang noch Müller-Rentz Junior nannte, was zu vielen Verwechslungen führte – bis heute) und der Zeitungsherausgeber und Wunderheiler Gustav Adolf Müller-Czerny (19.05.1862-28.08.1922)

 

Auf dem Maingau-Arbeitertag in Hanau, am 08.März 1863 spricht er als Mitstreiter Sonnenmanns und der Frankfurter Zeitung . Er vertritt die Gegenposition Lasalles und sagt: „Wir wollen die Arbeiter nicht zu politischen Parteiumtrieben gebrauchen lassen. Nur Bildung macht frei, nicht Organisieren.“ Schon 1861 und 62 war er als liberaler Agitator zu Arbeiter-Bildungsvereinen in halb Deutschland gereist - am Ende erfolglos. Auf dem Arbeitertag im Mai 1863 in Frankfurt entschieden sich die Vertreter der Arbeitervereine für Lasalle und gegen Sonnenmann und ihn und Müller-Rentz wurde wegen Verunglimpfung von Vorstandsmitgliedern aus dem Verein ausgestoßen. Müller-Rentz brachte es aber dann doch noch zu einem Ministeramt - als "der große Batz" unter einem Präsidenten Sonnemann in dem im September 1863 erschienen Spott-Roman "Lucinde" des Frankfurter Sozialdemokraten von Schweitzer.

 

Zum Fürstentag im August 1863 ließ er sich als Kellner einschmuggeln und brachte amüsante Details über die Reden und Tischgespräche der hohen Herrn – Abgedruckt, bevor diese noch mit dem Essen fertig waren.

 

1866 hielt er den abziehenden Österreichern am Bahnhof eine Lobesrede und überreichte einen Lorbeerkranz. Dann wurde er von den Preußen in der Hauptwache interniert. Ihm wurden Spionagedienste für die bayerische Armee vorgeworfen. Generalfeldmarschall v. Manteuffel persönlich sagte seiner Frau, eigentlich müsse man ihn erschießen; das hat man aber dann doch nicht gemacht, sondern ihn nach 14 Tagen laufen lassen.

 

 Ende der 60er Jahre belauschte er dann die Rezessverhandlungen mit Preußen im Hause Alten Limpurg. Seine Büste an der Fassade dieses Hauses stellt ihn aber beim Lauschen am Fenster des Hauses seines Kollegen Ludwig Hub dar, wo die geheimsten der Verhandlungen stattfanden. (Nach der Episode mit dem eisernen Ofen, hatte man die Ofenlöcher vermauert, bei den Rezessverhandlungen nutzte Müller-Rentz die gerade - durch das Ofeneinstiegsvermauern war das Raumklima sehr unangenehm geworden -  neu angelegten Belüftungsrohre des Alten Limpurg-Saales, die auf das Dach führten, auch diese wurden "des dicken Journalisten wegen" zugemauert, was das Raumklima dort noch mehr verschlechterte.

 

1870 übernahm er, während des Krieges, die Führung der freiwilligen Frankfurter Sanitätskolonne des Samaritervereins, ohne Frankfurt allerdings zu verlassen.

Davon, dass im April 1873 der Batzenbier-Krawall ausbrechen würde, sagte er, sei er schon acht Tage zuvor informiert gewesen. Über die Krawalle berichtet hat der Reporter dann aber nicht, er blieb lieber zuhause und „schützte seine Familie“. Für dieses nicht gerade mutige Vorgehen,  musste er sich auch schon mal als ein : "literarischer Sancho Pansa" beschimpfen lassen. Müller-Rentz galt als besonders gut informiert, denn er zog allabendlich von Wirtschaft zu Wirtschaft und gegen Bier und gute Worte und manchmal auch eine Münze, erzählten ihm die Leute das Neueste vom Tage.

Auch 1873 hielt er einen Vortrag vor der Gartenbau-Gesellschaft über die Düngewirkung des Abwassers der gerade neu angelegten Kanalisation. Was ihn dazu qualifizierte, weiß ich nicht, aber immerhin war er der Enkel des „Holländers“, des letzten einer alten Frankfurter Gärtnerfamilie.

 

Auch in der freiwilligen Feuerwehr war er aktiv. Hier löste er 1883 einen – kleinen – Skandal aus, als er nicht als Delegierter Frankfurts zum deutschen Feuerwehrtag nach Salzburg reiste und Frankfurt damit unvertreten blieb.

 

1885 dann aber schrieb Müller-Rentz einen Artikel mit dem Titel „die Schmach Frankfurts“ zum Polizeieinsatz bei der Beerdigung des Sozialdemokraten Hugo Hiller auf den Hauptfriedhof (Friedhofskrawall). Er wurde deswegen mit einer Beleidigungsklage verfolgt. Insgesamt war er sieben mal in Presseprozesse verwickelt.

 

Auch 1885 wurde Müller-Rentz in einem Theaterstück des Autors Hedderich Samstag (Pseudonym ? Parodie auf Gustav Freytag?) verewigt („die neuen Journalisten“), in dem er als Feuerwehrkapitän und Universal-Journalist auftritt.   Dieses Stück ist heute nicht mehr auffindbar - dauerhafter war da schon eine Erwähnung in einem Gedicht Friedrich Stoltzes. Im "Storch" heißt es (nicht ganz schmeichelhaft): 

                ...

                Sei Hoffnung uff en frihe Lenz 

                is  stark jetz am verblasse,

                er hat sich auf dem Müller-Renz

                sei Schmetterling verlasse.

                ...

Müller-Rentz im Jahre 1900 als Redaktionsmitglied der "Sonne"

Am 03. November 1903 starb er, immer noch im Beruf, nachdem er Tags zuvor noch in seinem Stammlokal, dem Heyland auf dem Römer, seinen 73. Geburtstag gefeiert hatte, an einem Schlaganfall. In seinen letzten Lebensjahren hatte er an der Gicht gelitten.

 

 

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