Alexander Ruhe: 1826 - Großrazzia im Frankfurter Stadtwald. November 2014

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

"Die Unsicherheit scheint wirklich mit jedem Tag überhand zu nehmen", warnt die badische Polizei im Januar 1827 in einem in vielen deutschen Zeitungen  wortgleich erschienenen Artikel, in dem über das Gaunerwesen mit über 500 Teilnehmern rings um Frankfurt berichtet wird. Gauner waren grundsätzlich alle, die auf der Straße lebten, denn Obdachlosigkeit war verboten. Nach den Wirren der Napoleonischen Kriege waren hunderttausende von Entwurzelten auf Europas Straßen unterwegs, für die es weder Arbeit noch Obdach gab, von denen sich viele, die mit den großen Armeen kreuz und quer durch Europa marschiert waren, auch gar nicht mehr in ein geregeltes Leben eingewöhnen konnten oder auch wollten. Legale Arbeitsmöglichkeiten boten sich diesen Leuten nicht viele, gelegentliche Handlangerarbeiten oder - für junge und kräftige Männer - die großen Holzflöße auf Rhein und Main bis nach Holland begleiten, mehr gab es nicht. Ansonsten blieb noch - für jüngere Frauen - die Straßenprostitution, für alle anderen, hausieren, betteln, lügen, betrügen, falsch spielen und stehlen.

Einige Obdachlose zogen auch mit einer Drehorgel oder einem Kuckkasten, einer Holzkiste mit Loch, in deren Inneren sich oft die Wachsfigur einer nackten Frau oder ähnliches befand, über Land, aber ganz egal wovon man sich als obdachloser Armer ernährte, in Deutschland brauchte man auch damals schon Papiere. Das Deutschland von 1826 bestand aus 38 Einzelstaaten und dazu noch Städten mit bewachten Stadttoren, um von Ort zu Ort zu reisen brauchte man idealerweise einen Pass, mit Visa für alle Länder, durch die man reisen wollte oder, nicht ganz so ideal, ein Handwerksgesellen-Wanderbuch. Als Obdachloser hatte man keine Chance eines von beiden zu bekommen, zumindest nicht legal, so dass viele nur erschwindelte oder häufiger, gefälschte Papiere besaßen. Wer ohne oder mit gefälschten Papieren in Frankfurt angetroffen wurde, rückte ein ins Arbeits- oder Arresthaus auf dem Klapperfeld. Nach ein paar Wochen oder Monaten da, oft auch begleitet von 25 Stockhieben zum Abschied, wurde man auf den Schub gesetzt, zurück in seinen Geburtsort, "Heimatorte" hatte die meisten ja nicht.

Schübe bestanden oft nur aus einfachen, offenen Holzfuhrwerken, in denen die Schüblinge von Landesgrenze zu Landesgrenze weiter geschoben wurden, im Falle Frankfurts also zum Beispiel von der Galluswarte zu den Riederhöfen oder von der Friedberger- zur Sachsenhäuser Warte. In den Frankfurt umgebenden Nachbarländern Nassau, Hessen und Kurhessen waren es meistens keine Soldaten oder Polizisten, die diese Schübe begleiteten, sondern einfach die Besitzer des Wagens, oft Bauern. Von diesen Schüben zu entkommen war also nicht sonderlich schwer und so tauchten viele der Abgeschobenen schon bald wieder in Frankfurt auf.

Frankfurt war für Obdachlose attraktiv. Hier konnte man hausieren gehen, betteln (auch bei Strafe verboten) und in Frankfurt gab es auch jenseits der beiden Messen immer einen Markt für Prostitution Hier gab es in der verwinkelten Altstadt immer auch Herbergen und Wirtschaften, in denen nicht so genau nach den Papieren gefragt wurde, im Jenischen, "der Sprache des Gaunergesindels", kochemer Bennen genannt und oft auch einen Wirt, den Bennenboss, der gestohlenes Gut - sehr oft nur gebrauchte Kleidung - als Hehler in Zahlung nahm. Die Bennenbosse unterhielten oft auch gute Beziehungen zu den Polizeidienern, so dass die Bewohner dieser Wirtschaften in Frankfurt relativ sicher waren.

Aber nicht jeder Wirt hatte derart gute Beziehungen, am 19.Juli 1826 unternahm die Frankfurter Polizei die spontane Untersuchung einer Wirtschaft in der Altstadt und traf dort auf einen ganzen Trupp von Gaunern. So leicht aber wollten die sich nicht gefangen geben und eine wilde Schlägerei setzte ein. Ganz besonders heftig setzte sich Carl August Hensler, genannt: der Student, zur Wehr. Durch studentischen Körpereinsatz gelang es einer ganzen Reihe der Wirtshausgäste zu entkommen, er selbst aber und einige andere, wurden fest genommen.

Festgesetzt und nun einem Verhör unterzogen wurden: der lange Preuße, das Oberauer Marichen, die Orber Gritt, die rotnäsige Nanne und der Schrumpel. Alle trugen neben ihrem Taufnamen auch einen jenischen Spitznamen. Der Spitzname "Student" erklärte sich, da Hensler tatsächlich 1 ½ Jahre in Heidelberg Jura studiert hatte, er war der Sohn des Heppenheimer Rentamtmanns und hatte sich 1813 von Heidelberg aus, freiwillig zum badischen Militär gemeldet. Mit diesem nahm er an der Völkerschlacht von Leipzig teil und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Wieder freigelassen, wurde er gleich wieder ins badische Militär eingereiht und er marschierte wieder, diesmal gegen Napoleon, nach Frankreich.. Siegreich wieder zurück, verschaffte ihm sein Vater eine Stelle in der hessischen Steuerverwaltung, wo sich der Student aber nicht einleben konnte und 1818  zog er weiter, nach Wien, wo er Schauspieler werden wollte.. Dieser Karrierezweig schien aber dem Vater nicht zu behagen, zumindest hat er seinen Sohn nicht mit Reisegeld ausgestattet, denn auf dem Weg nach Wien fing Hensler schon in Frankfurt an, sich mit Zechpreller- und Hochstapelei zu finanzieren. Dies brachte ihm eine Reihe von Haftstrafen und Schüben ein. Eine solche Haft im Zuchthaus Marienschloss Rockenberg hatte er erst ein paar Monate zuvor beendet und in diesen wenigen Monaten hatte er es geschafft, wegen seiner Bildung und seinem herrschaftlichen Auftreten, zum "Orakel", zum planenden Kopf des "Frankfurter Gaunerunfugs" von 1826 zu werden. Er war mit seiner 20jährigen "Beischläferin" und Mutter seines Kindes, der Rosina Frankenberger  (Polizei-Signalement: "die Sprache derselben ist langsam, gedehnt und einförmig gellend, ohngefähr wie eine Kindertrompete") umhergezogen. Rosina wurde einen Tag später verhaftet, als sie "die Frechheit hatte" ihm Essen ins Gefängnis bringen zu wollen.

.Die Verhöre waren dem Frankfurter Polizei-Assessor Dr. Wilhelm Pfeiffer (1795-1871) übergeben worden. Pfeiffer ging geschickt vor, er versuchte erst gar nicht, Geständnisse durch Schläge zu erzwingen, er ging ruhig und besonnen vor , sprach sogar Jenisch mit den Gefangnen und das wirkte. Die Orber Gritt ließ sich einwickeln und sagte aus. Sie berichtete, das die Gehspitze der geheime Treffpunkt aller hiesigen Vagabunden sei. Die Gehspitze war ein einsam im Isenburger Wald gelegener Gutshof (heute ein Industriegebiet in Neu Isenburg, ca. einen Kilometer südlich des Waldstadions). Die Gehspitze gehörte nicht zur Freien Stadt Frankfurt, sondern zum hessischen Oberamt Offenbach - und aus Offenbach kommt nichts G.... , aber das ist ja den Lesern meiner Artikel bereits bekannt.

Es wurde jetzt eine gemeinsame Polizei-Aktion mit den hessischen Behörden koordiniert  und schon einen Abend darauf, am 20.Juli 1826, ging es los. In aller Stille war eine große Frankfurter Polizeitruppe auf dem Oberforsthaus zusammengezogen worden, die, gemeinsam mit einem hessischen Trupp, der von der anderen Seite kam, die Gehspitze einkreisen wollte. Die Gehspitze lag eine halbe Stunde zu Fuss vom Oberforsthaus entfernt und so teilten man sich in zwei Gruppen, eine zog durch den Wald, die andere auf der (heutigen Mörfelder-) Landstraße zum Treffpunkt. Die Vagabunden waren aber auch nicht dumm und so übernachteten sie in dieser Nacht nicht in der Gehspitze, sondern nur wenige hundert Meter vom Forsthaus entfernt, im Wald, dummerweise aber zu nahe an der Straße, so dass die Polizisten jenisches "Schnattern der Weibsleute" und "allerhand zotige Witzeleien" hören konnten. Ganz leise umstellten sie die, auf Laubsäcken, unter hohen Buchen lagernden Gauner und legten ihre Gewehre auf sie an - da gab es kein Entkommen - und 60 Personen wanderten in Frankfurter Haft.

Mit einer derart hohen Zahl von Häftlingen hatte man in Frankfurt nicht gerechnet, denn eigentlich hätten die Verhaftungen ja in Hessen vorgenommen werden sollen und so richtete die Frankfurter Polizei eine eigene, das Gaunerwesen betreffende Untersuchungskommission ein und Pfeiffer wurde deren Leiter. Durch seine einfühlende Art gelang es ihm, in der länger als ein Jahr währenden Untersuchung,  ein ganzes Gauner-Netzwerk von über 500 Teilnehmern in der Rhein-Main-Region aufzudecken und ein Who is Who der lokalen Gauner aufzustellen, die sich unter seinen Fragen alle gegenseitig belasteten. Da wäre zum Beispiel, die Gertraude Herb, genannt, das Oberauer Mariechen, 1826 16 Jahre alt und "eine erzliederliche Dirne", welche sich schon in ihrer Kindheit in Hanau prostituierte, schon mit 14 Jahren zweimal in Wiesbaden vor Gericht gestanden hatte und in Folge dessen ein Vierteljahr im Korrektionshaus im Kloster Eberbach zugebracht hatte. Auch in Frankfurt war sie mehrfach "wegen liederlichen Umherziehens" festgenommen und über die Grenze abgeschoben worden. Nach der Frankfurter Untersuchung wurde sie in ihre Wetterauer Heimat abgeschoben, wo sie für neun Monate ins Korrektionshaus einrückte.

Ein anderer, Heinrich Daniel Engel aus der Gegend von Hannover, genannt der stumme Heinrich, weil er sich als stummer Bettler ausgab, hatte sich 1809 dem Militärdienst für Napoleon entzogen und vagabundierte seitdem mit seiner Gefährtin, der schwarzen Cathrine und ihren sechs Kindern durch ganz Europa. 1816, 1817 und 1821 war er in Frankfurt zu Arresthaus mit anschließender Züchtigung verurteilt worden. Zusammen mit ihren beiden noch lebenden Kindern, der ältere 11 Jahre alt, wurden Heinrich und Catherine in Frankfurt für 15 Monate in Untersuchungshaft genommen und danach in ihre Geburtsstädte auf Schub gesetzt, Heinrich in Richtung Hannover, Catherine und die Kinder ins Hessische.

Philipp Jacob Heyne aus Frankfurt, war schon 1809, als 16jähriger, wegen Diebstahls mit Arrest bestraft worden. Mit 17 wurde er ins Frankfurter Militär eingereiht, aus dem er aber gleich zwei mal desertierte, dafür wurde er zu sechs Jahren Zwangsarbeit in Ketten verurteilt, 1813 aber begnadigt. Er vagabundierte jetzt herum und wurde 1816 in Frankfurt wieder wegen Diebstahls bestraft. 1817 wurde er vom Frankfurter Polizeiamt, "wegen liederlichem Umherziehen" auf unbestimmte Zeit ins Arbeitshaus gesteckt ,unbestimmt hieß in der Regel, solange, bis kein Platz mehr für Neue mehr da war und schon ein paar Monate darauf wurde er von Koblenz aus auf den Schub nach Frankfurt gesetzt, wo man ihn, er hatte auch noch gefälschte Papiere, im Februar 1818 wieder auf unbestimmte Zeit einsperrte. Als er im Mai 1818 versprach, nach Amerika auszuwandern, gab man ihm einen Pass, mit dem er nach Holland reisen konnte und ließ ihn gehen. Selbstverständlich hatte er gar nicht die Mittel zum Auswandern und so ging es weiter, Arbeitshäuser und Schübe wechselten sich ab. Als durchschnittlicher Obdachloser wurde man häufig körperlich "gezüchtigt" und man verbrachte einen guten Teil seines Lebens in Arrestzellen, mit dem Kleben von Tüten, dem Flechten von Körben, mit Straßefegen oder dem Leeren der städtischen Senkgruben.

Wer 1826 schon seit vielen Jahren als "Schanzer" in Frankfurt Zwangsarbeit verrichtete, das war Nikolaus Schäfer. Schäfer, genannt "Scheuer", weil er als Baby von seiner Stiefmutter in einer Scheune ausgesetzt worden war, war schon 1788, als Zehnjähriger aktenkundig geworden und damit ein Gewohnheitstäter. 1806 war er von den Frankfurter Strafverfolgungsbehörden der französischen Armee in Mainz als Rekrut überwiesen worden, von wo er nach vier Tagen schon desertierte und nach Fulda ging, wo seine Frau lebte. Da er hier aber von einem Isenburgischen Soldaten-Werber erkannt worden war musste er bald schon wieder weiter und er kam wieder nach Frankfurt. Hier fand er aber keine Arbeit und brach deshalb in einen Laden am Dom ein. Er hatte mit einer Spitzhacke die Wand des Ladens eingehauen und damit natürlich den Nachtwächter des Viertels auf sich aufmerksam gemacht - nicht gut. Während der langwierigen Untersuchung lastete man ihm noch andere Einbrüche an - es waren immer alte Kleider gestohlen worden - und so wurde er mit einem Schild um den Hals, auf dem "unverbesserlicher Dieb" stand, an den Pranger gestellt. Danach sollte er für zehn Jahre als Schanzer Zwangsarbeit leisten und dann für den Rest seines Lebens ins Arbeitshaus einrücken. Auch im Arbeitshaus mussten die Häftlinge arbeiten, allerdings körperlich nicht so schwer wie die Schanzer. Im Sommer 1809 gelang ihm aber die Flucht und er ging sofort über den Rhein zu den Franzosen, wo er sich als Landarbeiter durchschlug. Ohne Pass allerdings, musste er mal hier, mal dorthin und so kam er nach Hanau, wo er keine Arbeit mehr fand und wieder einen Einbruch beging und prompt auch wieder verhaftet wurde. Man brachte ihn nach Frankfurt, wo er jetzt zu lebenslanger Galeeren-Strafe verurteit wurde. Die Strafe wurde in lebenslanges Zuchthaus gemildert und er kam zum Abbüssen der Strafe nach Kassel. Als Kassel im September 1813 von russischen Kanonen beschossen wurde, gelang 200 Häftingen die Flucht unter ihnen auch Nikolaus Schäfer, aber schon 1814 wurde er wieder in Frankfurt verhaftet. Hier leistete er wieder Schanzarbeit, bis er, am 14.Februar 1828, als letzter verbliebener Schanzer, ins Arbeitshaus überwiesen wurde.

Bis 1918 war in Deutschland die Obdachlosigkeit verboten, bis 1970 das Betteln.

 

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