Alexander Ruhe:  1935 - Die Druckplatte vom Flohmarkt und der Deutsche Beamtentag. Februar 2022

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Anfang des 20.Jahrhunderts hat eine Revolution im Druckwesen stattgefunden. Mit dem Offset-Druckverfahren mussten die Druckplatten nun nicht mehr wie beim alten Merian mühevoll mit einem Stichel in Kupfer graviert werden, sondern konnten schnell und präzise am Stück gegossen werden. Auf eine solche Druckplatte aus Zink bin ich vor einiger Zeit gestoßen. Obwohl die Beschriftung "Frankfurt" fehlte (da hatte es wohl neben meiner noch weitere ergänzende Druckplatten gegeben) und alle weiteren Beschriftungen spiegelverkehrt waren, sah ich sofort, dass es sich um einen Frankfurter Stadtplan von vor 1945 handelte. Ich kaufte die Platte und machte mich zuhause daran herauszufinden, von wann dieser Stadtplan war und auch wer ihn herausgegeben hat, das steht nämlich auch nicht dabei.

Nachdem ich die Druckplatte gereinigt hatte, fotografierte ich sie ab und spiegelte das Foto auf dem Computer, nun konnte ich die Beschriftungen lesen. Gleich war mir aufgefallen, dass der Stadtplan aus der Nazizeit stammte, denn diese hatten nach ihrer Machtergreifung jede Menge Straßen mit ihnen unbequemen Namenspatronen umbenannt, aber nicht alle mir bekannten Straßenumbenennungen waren auf diesem Stadtplan schon nachvollzogen, der Börsenplatz heißt auf meiner Druckplatte zum Beispiel noch genau so und eben noch nicht "Platz der SA".

Ich machte mich jetzt daran in alten Zeitungen zu recherchieren, wann die Nazis welche Straße umbenannt hatten. Das waren erst einmal ziemlich viele direkt 1933 gewesen, da wurden zum Beispiel aus der Gallus-Anlage die Adolf-Hitler-Anlage (auf Straßenbahnnetzplänen dann als A-H-A abgekürzt) und aus dem Untermainkai das Hermann-Göring-Ufer aber danach ging es peu-a-peu - immer mal wieder wurden, im Abstand von Monaten, einzelne Straßen umbenannt. Für Stadtpläne herausgebende Verlage sicherlich gar nicht einfach da aktuell zu bleiben. Der Börsenplatz, fand ich heraus, war im Januar 1937 umbenannt worden, meine Druckplatte musste also älter sein und ich engte das Zeitfenster immer mehr ein. Dummerweise waren aber nicht alle meine Funde auf meinem Stadtplan auch abgebildet, so waren z.B. das Stadion in "Sportfeld" und das Historische Museum in "stadtgeschichtliches Museum" umbenannt worden ohne aber auf meiner Platte überhaupt erwähnt zu werden.

Ich wollte es mir einfach machen und suchte nach einem Abdruck meines Stadtplans, da würde dann ja schon drauf stehen, wer ihn wann herausgegeben hatte, aber weder im Internet, noch im Frankfurter Stadtarchiv mit seiner reichhaltigen Stadtplan-Sammlung wurde ich fündig.

Ich wühlte mich also weiter durch alte Zeitungen, ganz besonders auf der Suche nach dem Washington-Platz vor dem Südbahnhof. Dieser Platz, der heute gar keinen eigenständigen Namen zu tragen scheint hieß einmal Diesterweg-Platz, auf meinem Stadtplan aber schon Washington-Platz. Mehrere Tage forschte ich dieser Umbenennung nach und der Washington-Platz machte es mir schwerer als alle anderen Straßen zuvor, bis ich herausfand, dass dieser Platz gar nicht von den Nazis, sondern schon im Dezember 1932, ein paar Wochen vor der Machtergreifung umbenannt worden war.

Nachdem ich immer mehr Umbenennungen von 1936 gefunden hatte, die auf meinem Stadtplan noch keinen Niederschlag gefunden hatten suchte ich in den Zeitungen von 1935 weiter. 1935 hatte man zur Volksabstimmung im Saargebiet Anfang April 1935 die Stresemannallee in "Saar-Allee" umbenannt und tatsächlich, auf meiner Druckplatte gibt es die Saar-Allee.

Auch im April 1935 hat man den Börneplatz (dort befindet sich heute das Stadtplanungsamt) in Dominikaner-Platz umbenannt und auf meiner Platte ist das noch der Börneplatz. Der Stichtag für die Fertigstellung dieser Platte war also wohl Mitte April 1935.

Jetzt wollte ich auch noch herausfinden, wer denn diesen Plan herausgegeben hatte, denn einer von den üblichen Landkartenverlagen, Ravenstein, Baedeker, Pharus oder Grieben kamen nicht in Frage, dafür sieht mein Plan mit seinen Schraffierungen zu unterschiedlich aus. Auch das Stadtplanungsamt hatte sich, wie eine Recherche in den Akten des Stadtarchivs ergeben hatte, erst 1936 mit dem Umzug des Rhein-Main-Flughafens in den Stadtwald Gedanken um eine grundlegende Neugestaltung ihres Prospekt-Plans von 1930 gemacht. Da tappe ich also noch im Dunkeln.

Aber zumindest kam ich durch meine Zeitungsrecherchen auf eine Idee, zu welchem Anlass dieser Stadtplan entworfen worden sein könnte.

Zum 19.Mai 1935 war von den Nazis zum ersten deutschen Beamtentag nach Frankfurt geladen worden. 200.000 Beamte sollten durch Frankfurt marschieren, an Hitler vorbei und auf diesen einen Eid ablegen. Sicherlich brauchten diese vielen Beamten auch Stadtpläne und in dem sollten auch die ganzen Straßenumbenennungen mit Nazi-konformen Namen auftauchen. Anders als bei den Reichsparteitagen der NSDAP, wo alles bis ins kleinste vorbereitet war, erwartete man aber von den Beamten, dass sie schon selbst und auf eigene Kosten nach Frankfurt kämen. Trotz massiven Drucks, der auf die deutschen Beamten ausgeübt wurde ja nach Frankfurt zu kommen, hatten sich nicht annähern 200.000 Personen angemeldet und der große deutsche Beamtentag drohte zu einem ziemlich kleinen Beamtentag zu werden. Der lange angekündigte Beamtentag wurde kurzfristig sang und klanglos abgesagt, die schon gesammelten Reisekostenzuschüsse Hitler zum Geburtstag zu Zwecken des Bombenflugzeugkaufs geschenkt. Leni Riefenstahl drehte keinen Film mit uniformierten deutschen Beamten, die durch Frankfurts Altstadt marschieren und der Stadtplan zum Event wurde eventuell eingestampft. Das könnte der Grund für das Schaffen dieses Stadtplans im April 1935 gewesen sein, vielleicht gibt es aber auch einen ganz anderen. Wer von meinen Lesern eventuell einen Abdruck dieses oder auch eines späteren Planes gleicher Machart hat ist gerne eingeladen mir dies mitzuteilen.

Hörbuch vom gleichen Autor

 

zum nächsten Artikel