Alexander Ruhe: 1752-1821. Charles Hesse, ein Frankfurter Jakobiner-Prinz. Februar 2025

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

1752 wurde in Frankfurt ein Sproß des Hauses Hessen-Rotenburg, eine Nebenlinie des Hauses Hessen-Kassel geboren, Karl-Konstantin von Hessen-Rheinsfeld-Rotenburg. Da er schon der dritte Sohn des Landgrafen war, stand für ihn in der Regentschaft dieses hessischen Mini-Fürstentums nicht viel zu erwarten und schon mit 13 Jahren trat er in das französische Militär ein. Hier nahm er aber nicht an Schlachten teil, sondern verbrachte die nächsten Jahre mit philosophischen Studien, man hatte ihm aus Deutschland extra einen Philosophie-Professor als Lehrer mitgegeben.

Mit 20 Jahren trat er dann ernstlich in den Militärdienst ein und bekleidete von Beginn an den Rang eines Obersts und stieg schnell noch weiter auf, bis er es 1788 zum General gebracht hatte. Schon früh betätigte Karl sich aber auch schriftstellerisch, so zum Beispiel mit seinem 1788 verfassten  und 1810 veröffentlichten Militärhandbuch "le Partisan", in dem er mit den glühensten Worten für die Ballonluftfahrt als Mittel der Kriegsführung eintrat. Nach der Revolution blieb der Philosophen-Prinz in Militärdiensten und schloss sich den Jakobinern und Robespierre  an und brachte es bis zum Divisionskommandeur.

Prinz Karl, der mit dem Fall der französischen Monarchie seinem Adelstitel entsagt hatte und sich nur noch "Bürger Karl" oder Charles Hesse nennen ließ, wurde 1792 Stadtkommandant von Lyon, später von Besancon und setzte dort Robispierres Terrorherrschaft durch. Auf seine Denunzationen soll 1793 die Enthauptung des Generals Custine zurückzuführen gewesen sein, Custine, der im Jahr zuvor Frankfurt erobert und drangsaliert hatte. Aber als Mitglied des Hochadels blieb er verdächtig und geriet 1793 selbst in die Mühlen der Revolutionsjustiz. Nach der Hinrichtung Robispierres im Sommer 1794 kam Charles in Paris wieder frei, blieb allerdings von nun an ohne ein Militärkommando. "Als kläglicher Bettler schlich nun der durch die Straßen, vor dessen tigermäßigen Blutdurst einst ganz Lyon gezittert hatte." wie man in einem nur wenig wohlwollenden Artikel lesen konnte. In dieser Zeit lernte er seine große Liebe kennen, eine wesentlich jüngere hessische Prinzessin, die Schwester eines seiner Freunde, um die zu werben er 1795 die hessische Verwandschaft in Kassel aufsuchte. Während der komplizierten Klärung der Familienverhältnisse starb dabei die junge Frau und Charles kehrte nach Paris zurück und betätigte sich von nun an vor allem journalistisch. Er wurde einer der führenden Köpfe der neuentstandenen Jakobinerfraktion und ein erbitterter Gegner Napoleon Bonarpartes. Mit der Machtergreifung Napoleons 1799 ließ dieser Charles sofort verhaften und später aus Paris abschieben. Charles Hesse  kehrte aber immer wieder nach Paris zurück und agitierte gegen Napoleon. Als es im Jahre 1800 einen Bombenanschlag auf Napoleon gab, nutze dieser die Gunst der Stunde und entledigte sich seiner republikanischen Gegner, entledigte sich auch Karls. Er wurde vorerst auf eine französische Atlantikinsel verbannt (die Il de Re, oder auch die Il d'Orleron, da widersprechen sich die Berichterstatter). Von hier sollte er nach Madagaskar deportiert werden, aber ihm gelang die Flucht in die Schweiz. Von Basel aus versuchte er, der Mittellose, nun seine fürstlichen Brüder und Vettern in Hessen gegeneinander auszuspielen, was ihm auch eine Ausweisung aus Basel einbrachte und er kehrte - nach einem Zwischenspiel im Schloss Babenhausen - wieder nach Frankfurt zurück. Die nächsten Jahre verbrachte er hier, bis er im Februar 1812 versuchte einen Volksaufstand gegen den Paladin Napoleons vor Ort, den Großherzog von Dahlberg zu initiieren. Das Volk pfiff ihn aber aus und jetzt musste er auch Frankfurt verlassen und er ging nach Paris zurück. Ebenfalls 1812 starb sein auch hier in Frankfurt lebender Bruder Emanuel, der  Landgraf von Hessen-Rotenburg, Karls schützende Hand, wie man lesen konnte aus Kummer über seinen schwierigen Bruder. Auch Paris musste Karl bald wieder verlassen, auch Straßburg und Darmstadt und so landete er wieder in Basel. Als Schlachtenbummler wohnte er 1814 der Belagerung der nahe Basel liegenden französischen Festung Hüningen bei, wo er beinahe von einer Kanonenkugel getroffen worden wäre, die dann einen hinter ihm stehenden bayerischen Offizier zerfetzte.

Nachdem er das französische Königshaus der Bourbonen beschimpft hatte, wurde er auch aus Basel ausgewiesen und im Hungerjahr 1817 dürfte er, auf Bitten seines fürstlichen Vetters in Kassel, wieder nach Frankfurt zurückkehren und der immer ehelos Gebliebene wurde hier zu einem schrulligen Sonderling. So mied er von nun an Erwachsene zog aber eine Schar von Jugendlichen um sich, mit denen er zu naturwissenschaftlichen Studien regelmäßig in den Stadtwald oder in den Taunus zog. (Noch 50 Jahre nach seinem Tode legte Mitglieder dieses Elevenkreises regelmäßig Blumen an seinem Grabe nieder). Außerdem quälte er mit großer Freude den alten, abgesetzten schwedischen König Gustav IV., der als Oberst Gustavsson mit Charles im selben Haus in der Töngesgasse lebte. Immer wenn er sah, dass Gustavsson in seinem Zimmer das Fenster öffnete, um sich in die Sonne zu setzen, öffnete auch er sein Fenster und sang oder pfiff das französische Revolutinslied Ça Ira, um den Schweden vom Fenster zu vertreiben. Wenn der alte Schwedenkönig auf seine Schmähungen nicht reagieren wollte, so stellte er sich auch schon mal auf die Straße und warf Steine gegen die königlichen Fenster - wofür Charles auch mal eine Nacht hinter Gittern verbrachte -  ein für einen 66jährigen doch etwas ungewöhnliches Verhalten.

Am 18.Mai 1821 verstarb Charles in Frankfurt und hinterließ hunderte von philosophischen, militär-  und naturwissenschaftlichen Abhandlungen, als auch eine umfangreiche Bibliothek, die er der Stadt Basel vermachte. Außerdem tauchte nach seinem Tode auch noch ein Schweizer Konto mit einer hohen Geldeinlage darauf auf, was ziemlich überraschte, denn von der hessischen Verwandschaft war er, besonders nach dem Tode seines Bruders, sehr knapp gehalten worden und hier in Frankfurt hatte er sich noch nicht einmal einen Dienstboten geleistet. Er wurde auf dem Peterskirchhof bestattet. Auf seinem Grab, ganz in der Nähe des Grabes der Frau Aja, Goethes Mutter, wurde ein schlichter Grabstein errichtet, mit der Aufschrift: "hier ruht Prinz Karl von Hessen, Generalleutnant. Als im Jahre 1870 Fusswege über den nicht mehr als Friedhof genutzten Peterskirchhof gelegt wurden, fiel die Aufmerksamkeit Frankfurter Journalisten auf diesen schlichten Grabstein. Frankfurts Zeitungen verwechselten allerdings Charles Hesse mit dem hessischen General Karl von Hessen-Philippsthal, der 1792 bei der Befreiung  Frankfurts von Custines Revolutionstruppen hier gefallen war. Zwar ist dieser in der Familiengruft der Hessen bei Hanau bestattet, dass wusste man aber damals wohl nicht mehr und die Presse bohrte so lange, bis die Familie ihrem vermeintlichen Urahnen ein Heldengrab, mit allen militärischen Insignien setzten, von dem heute noch recht schmucklose Reste in eine Mauer, weit vom alten Standort entfernt, erhalten sind.

Das Grab im Februar 2025 mit der kaum noch lesbaren Inschrift für den falschen Prinzen.

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