Alexander Ruhe: 1828 - Die Termiten kommen nach Frankfurt. Frisches Wasser für die Stadt. November 2020

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Das 19.Jahrhundert war eine Zeit des Neuen und der Umbrüche. Aber das Neue sorgte auch für Probleme. Durch das Abreißen, das Schleifen der Stadtmauern und das Verfüllen der die Stadt umgebenden Wassergräben zum Beispiel, hatte man dafür gesorgt, dass der Grundwasserpegel Frankfurts gefallen war. Hatte zuvor noch fast jedes der Frankfurter Häuser über einen eigenen Brunnen verfügt, waren jetzt hunderte dieser Brunnen trockengefallen und die Bewohner  mussten sich an den öffentlichen Brunnen versorgen. Gleichzeitig war seit Goethes Zeiten die Einwohnerzahl von 40.000 auf 50.000 Personen gestiegen, so dass die Wasserversorgung erstmals ein Problem wurde.

Schon 1607 hatte man im Norden Frankfurts einige Quellen gefasst und das Wasser in die Stadt geleitet, aber diese 155 Kubikmeter am Tag reichten gerade einmal dazu, ein paar dutzend Brunnen rings um die Hauptwache zu versorgen und die Frankfurter mochten dieses Wasser noch nicht einmal, es hatte zu wenig Geschmack!

Das Frankfurter Tiefbauamt hatte Ende der 1820er ermittelt, dass jeder Frankfurter, der gesund bleiben will, für Trinken, Kochen, Waschen und Putzen 20,7 Liter pro Tag benötige (Heute verbrauchen wir um die 150 l am Tag, um 1960 sogar 200 l am Tag) - frisches Wasser musste also her.

Zwischen Friedberger Warte und dem Günthersburgpark wuchsen nun dutzende von "Termiten" in die Höhe - obeliskenartige Fördertürme, deren Wasserertrag zehn mal über der des Systems von 1607 lag. Mehr als 200 Brunnen, 120 Hydranten und 300 Wasserhähne in Häusern konnten daran angeschlossen werden. Alle diese Wasseranschlüsse lagen nördlich, keiner südlich des Mains.

 

Einige Frankfurter Forscher waren gerade unterwegs, um die Welt und ihre Tiere zu erforschen, man war also informiert, da lag der Vergleich mit Termitenhügeln in Afrika gar nicht so fern, die Türme sind damals aber auch schon einmal als Pyramide bezeichnet worden. Das Wasser sprudelte jetzt also, aber nicht gar so lange. Schon der schneearme Winter und der heiße Sommer von 1834 und auch 1835 hatten für eine Verringerung der Wassermenge gesorgt, dazu wuchs die Bevölkerung Frankfurts nun sprunghaft an und gleichzeitig fing man auch an, Bäder in den Häusern einzubauen, der Wasserbedarf stieg also. Es wurde gemahnt, das Wasser der neuen Brunnen sei nur zum Trinken, Waschen und für den Feuerlöschdienst. Schon bald wurde die neue Termitenwasserleitung nur noch stundenweise geöffnet. 1856-58 fasste man dann die Seehofquellen in Sachsenhausen. Von diesem Wasser schnitt man 1859 die Sachsenhäuser Gärtner wieder ab, die mussten die grüne Soße jetzt mit Mainwasser begießen.  Aber auch solche Notmaßnahmen hielten nicht lange vor und ab 1872 baute man an einer Wasserleitung, die sauberes Wasser vom Vogelsberg und aus dem Spessart nach Frankfurt bringen sollte. 1874 gab es noch eine letzte Typhusepedemie in Frankfurt, von verdorbenem Wasser ausgelöst, aber damit war bald Schluss, die Frankfurter hatten jetzt sauberes Wasser. Erst mal! Bis 1906 taten die Termiten weiter ihren Dienst und versorgten am Schluss nur noch die öffentlichen Bedürfnisanstalten, wurden aber dann nicht mehr gebraucht und abgerissen.

Zur Erinnerung errichtete man aber 1908 eine Denkmal-Termite im Wasserpark, die dort bis heute steht. 

 

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