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Alexander Ruhe: 1909. Duell im Stadtwald - verworrene Familienangelegenheiten des deutschen Adels . November 2020

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 Der 28 Jahre alte Leutnant Heinrich von Stuckrad war schon rumgekommen in seinem jungen Leben. In China und in Deutsch-Südwest-Afrika (heute Namibia) hatte er im Kampfeinsatz gestanden und zurück in Deutschland kam er anscheinend mit dem geordneten Kasernenleben nicht mehr klar. In Neu-Ruppin, wo er stationiert war, gab es Diffenenzen zwischen ihm und einem General, weshalb Stuckrad seinen Abschied nahm und nicht nur die Armee, sondern gleich auch Deutschland verließ. Heinrich ging aber nicht alleine, sondern er nahm die schöne  Elsa (zumindest schrieb eine amerikanische Zeitung, sie sei schön), die Gattin seines Offizierskameraden Rudolf von Oertzen (1874-1941) gleich mit.

Die Stuckrads und die Oertzens, beides Familien aus dem mecklenburgischen Militäradel, waren schon seit langem freundschaftlich verbunden, so auch Heinrich und Rudolf. Heinrich war ein häufiger Gast bei Rudolf und Elsa gewesen. Als Rudolf im Herbst 1908 ins Manöver zog, gingen Heinrich und Elsa nach New York.

Die Familie war entsetzt und Elsa Eltern, das Brauereibesitzer-Ehepaar Mahn aus Rostock folgten den Beiden mit dem nächsten Schiff - aber umsonst und Rudolf, der das Ganze auch nicht gut fand, ließ sich im Dezember von Elsa scheiden.

Aber das Glück der beiden Flüchtlinge währte nicht lange, sie zerstritten sich und Heinrich kehrte nach Deutschland zurück, während Elsa in New York blieb. Heinrich ging nach Kreuznach (heute Bad Kreuznach), wo sein Vater Bürgermeister war. Rudolf von Oertzen hörte davon und schickte sofort einen Sekundanten - ein Duell sollte ausgetragen werden.

Stuckrad war ein Mann von Ehre oder was man damals so dafür hielt und folgte dieser Forderung. Von Oertzen war mittlerweile nach Frankfurt versetzt worden und so traf man sich im Morgengrauen des 31.Januar 1909  hinter den militärischen Schießständen im Frankfurter Stadtwald. Dort steht heute das Waldstadion / Commerzbank Arena.

Die vier Sekundanten maßen 20 Schritte ab, die Beiden standen sich gegenüber, schoßen und in den Unterleib getroffen, sackte Heinrich von Stuckrad auf dem Waldboden zusammen, wo er dann auch verblutete. Der Leichnam wurde von den Sekundanten in die Stadt gebracht, während sich von Oertzen, der unverletzt geblieben war, den Militärbehörden stellte.

Die Medienaufmerksamkeit war groß und selbst britische Zeitungen berichteten.

Von Oertzen wurde zu zwei Jahren Festungshaft verurteilt. Einen Monat davon saß er auf der Festung Wesel ab bis er begnadigt wurde und Kompaniechef einer Einheit in Schlesien wurde. Seiner Militärkarriere hatte dieses Duell also nicht geschadet.

Jetzt könnte man meinen, dass dieses Duell aber doch dem freundschaftlichen Verhältnis der Familien Stuckrad und Oertzen geschadet hätte - aber noch nicht einmal das!

Rudolf heiratete im Jahr darauf Heinrichs Schwester Gertrud von Stuckrad (1885-1931) Lehrerin im Frankfurter Gallusviertel, die damit Stiefmutter seiner beiden Söhne wurde und mit der er, hier in Frankfurt,  auch zwei Kinder bekam. Elsa (1879-1951) heiratete 1912  Guido von Oertzen (1881-1966 ) und bekam ebenfalls noch ein Kind. Guido wurde 1920 Direktor der Brauerei und alles war also wieder gut. Der in Frankfurt geborene linke Sozialdemokrat Prof.Peter von Oertzen (1924-2008) war Rudolfs Großneffe.

Auch in die - Frankfurter- Literaturgeschichte ist dieses Duell eingegangen. Es diente allem Anschein nach als Vorlage für eine Duellszene in Robert Heymanns: "Der Eiserne Steg" von 1910. Bloß, dass das Duellopfer im Buch, anders als im richtigen Leben, schwer verletzt überlebte und doch noch sein Glück fand.

Hörbuch vom gleichen Autor

 

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