Alexander Ruhe: 1750 – Frankfurter Pfaffenkampf um jede Seele. September 2013

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

Am 13. September 1749, da war der kleine Goethe gerade zwei Wochen alt,  hatte Johannes Nikolaus Setzentreibel, ehemals Harfenist am kurfürstlichen Hof zu Mainz einen anderen Musiker hier in Frankfurt mit dem Degen erstochen – das war verboten !

Der Fall war ganz klar und der 25 Jahre alte Setzeltreibel wurde zum Tode verurteilt. Der Harfenist stellte noch ein Gnadengesuch, mit der Bitte, die Strafe in lebenslängliche Haft umzuwandeln, aber solche Mätzchen machte man hier vielleicht mit Frankfurtern, mit Ausländern aber – und dazu noch mit katholischen – machte man hier nicht viel Aufhebens; des Harfenisten Leben war verwirkt !

Die Enthauptung war für Montag, den 28. September 1750 festgelegt und jetzt, einige Wochen vor diesem Termin wurde dem armen Nikolaus ein Geistlicher zugeordnet, der ihn und seine Seele auf die kommenden Prüfungen im Himmel oder auch Anderenorts, vorbereiten sollte. Dies war selbstverständlich ein evangelischer Geistlicher, die Seele des katholischen Mörders sollte ja gerettet werden, da musste also ein Profi ran.

Ein paar Wochen vor der Hinrichtung war dem Delinquenten aber gestattet worden, bei einem Kapuzinermönch im Gasthaus zum alten Schwaben (heute Steinweg – Passage), die Beichte abzulegen  – ein Grundfehler, und als man dann auch noch seiner Mainzer Familie gestattete, ihn im Gefängnis zu besuchen, war es ganz aus, Setzentreibel wurde bockig. Und als fünf Tage vor der Exekution der lutherische Geistliche Wallacher ihn erstmals in der Hauptwache besuchte, hielt der Delinquent sogar einen Rosenkranz in der Hand  – aber so nicht ! Wallacher unterband das sofort und Setzentreibel war sauer, wollte nicht reden. Dann wurde er aber doch gesprächig „band aber neben vernünftigen Ansichten auch beständig papistischen Sauerteig mit unter“ (wie man in der Untersuchungsakte lesen kann). Wallacher hielt es jetzt für nötig, weitere Familienbesuche zu unterbinden, da der Mörder „im Hauptgeschäft seiner Seele zu seinem Schaden allzu sehr gestört werden möchte“.

Setzentreibel zeigte sich jetzt auch verständig, lernte sogar protestantische Gebete und Lieder auswendig. Am Abend vor der Hinrichtung rebellierte Setzentreibel noch einmal und er „widersprach den evangelischen Wahrheiten mit äußerstem Grimm, Wut und Bitterkeit“ aber Wallacher betete ihn nieder und Setzentreibel war gebrochen, man feilte sogar noch an den auswendig gelernten Liedern.

Aber die katholische Geistlichkeit war auch nicht müsig geblieben; man wusste, der Zug mit dem Delinquenten würde von der Hauptwache über den Steinweg zur Blutbühne auf dem Rossmarkt gehen (ein paar duzend Meter vor den heutigen Gutenbergdenkmal). Der Domdechent Amos postierte sich also am Fenster des Alten Schwaben, um dem vorbeigehenden Setzentreibel mit Weihwasser zu bespritzen und ihm die Monstranz zu zeigen, nur dies könnte seine Seele jetzt noch retten.

Nach der Henkersmahlzeit, und wie der Name schon sagt war das eine Mahlzeit, vorrangig gedacht für den Henker, die Richter, die Henkersknechte und die Wachsoldaten und  – unter anderen  – auch für den Delinquenten, also eine Art von frühmorgendlichem Bankett, ging der Zug los. Die evangelische Geistlichkeit war aber gewarnt worden und so nahm der Zug einen anderen Weg. Die aufgeregten Katholiken verteilten sich jetzt schnell und tatsächlich ging Setzentreibel an Amos vorbei, der sich aus einem Fenster lehnte  – ohne den Geistlichen zu bemerken. Er wäre einfach weitergegangen, wenn die Volksmenge, die den Zug begleitete, Amos nicht wütend mit Steinen beworfen hätte; erst jetzt schnappte er einige lateinische Wortfetzen auf und noch bevor Wallacher ihn weitertreiben konnte, war seine Seele gerettet !

 

Die Protestanten wollten solch eine Ungeheuerlichkeit aber nicht auf sich beruhen lassen und drangen in den Tagen danach so lange, bis Amos vom Rat der Stadt abgemahnt wurde.

 

 
Johannes Nikolaus war der Sohn des 1705 in Würzburg geborenen Kunstschreiners Hans Jakob Setzentreibel, verheiratet war er mit der Witwe (nun Doppelwitwe) Katharina, die vier Kinder hatte und elf Wochen vor der Tat mit ihm nach Frankfurt gekommen war. 23 Jahre später dann, war es ein Soldat Setzentreibel, der die Kindsmörderin Susanna Magarethe Brandt am Stadttor verhaftete und damit ihrer Enthauptung zuführte. Aus der Susanna Magarethe hat Goethe dann das Gretchen im Faust gemacht und damit schließt sich der Kreis.

 

 

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