Alexander Ruhe: Kaiserbesuch in Frankfurt 1889.   Februar 2010

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

 

02.Dezember 1889

Auf dem Goetheplatz, dem Liebfrauenberg und dem Garküchenplatz werden von der Marktverwaltung Plätze zum Winden und Verkaufen von Girlanden eingerichtet. Der Tagesmietpreis betrug 5 Pf/m²,. der Meter aus Tannengrün gewundene Girlanden kostete zw. 20 – 50 Pf. der Engros-Verkauf fand am Mainufer stand. Hunderte von Wagen lieferten Girlanden und Kränze von außerhalb an. In der ganzen Stadt wurden Venezianische Masten aufgestellt. Um die Fahnenmasten aufzustellen, mussten Löcher in die Zement-Bürgersteige gerissen werden. Nach der Veranstaltung, wurden 150 feste Fahnenmastlöcher installiert (zu 32,- M. das Stück).

 

03.Dezember

heute hätte eigentlich der Weihnachtsmarkt auch auf dem Römer geöffnet werden sollen. Wird verschoben auf den 10.ten. Ersatzweise werden Buden am Mainufer angeboten.

 

07. Dezember

Am Nachmittag reitet die Husaren-Eskadron, die den Kaiser begleiten soll, schon einmal probeweise, mit einer vierspännigen Kutsche in der Mitte, die gesamte Route des Kaisers ab. Zum Kaiserempfang sollen sie neue Lanzen empfangen.

 

08. Dezember

Kaiser Wilhelm der II. besucht Darmstadt und Worms.

 

09. Dezember, Montag

11 Uhr Alle Arbeitgeber sind gehalten, ihrem Personal ab spätestens 11 h Frei zu geben.

12 Uhr Die Frankfurter Straßen sind schon dicht mit Zuschauern besetzt, so dass kaum noch ein Durchkommen ist.

12.15 Uhr reiste der Kaiser von Darmstadt nach Frankfurt a. M. ab, wo er um

13 Uhr auf dem geschmückten Hauptbahnhof eintraf. Es herrschen Minustemperaturen und Schneeflocken treiben in der Luft.

Empfang an der Bahnhofssüdseite. Miquel empfing den Kaiser. Eine Ehrekompanie spielte „Heil Dir den Siegerkranz“. Menschenmassen vor dem Bahnhof. Spalier von Soldaten, Schülern, Feuerwehrmännern und Kriegervereinen auf der ganzen Strecke. Unter dem Geläute aller Glocken erfolgte die Abfahrt vom Bahnhof. 

Stopp an der Ehrenpforte (Triumphbogen) Kaiser sagt: „Ich kenne die Stadt  seit vielen Jahren, vielleicht besser als mancher Frankfurter .“

Stopp an der Schirn, wo die Metzgerinnung einen Ehrenbaldachin errichtet hatte. Metzgermeister und Stadtverordneter Karl Marx überreichte einen Ehrentrunk. Kurze Ansprachen.

13.40 Uhr Ankunft auf dem Römer. Vor dem R. wurde ein Balkonvorbau errichtet. Zwei in scharlachroter Uniform gekleidete Hellebardiere stoßen zur Begrüßung dreimal ihre Waffen auf. Das Gedränge auf dem Platz ist enorm. Im Tumult wird vor dem Salzhaus ein Kind geboren. Wilhelm zeigt sich kurz auf dem Balkon, großer Jubel.Besichtigung des Römers.

14 Uhr Weiterfahrt zum Quartier des Kaisers in der Hauptpost. (Wo es traditionell eine Kaiserwohnung gab). Massen auf der Zeil. Es herrscht ein solches Gedränge, dass Frauen und Kinder an der Schau­fenster­scheibe gegenüber der Post erdrückt zu werden drohen. Der Ladeninhaber Schellenberg  öffnet die Tür und 12-14 der hereinströmenden Frauen werden sofort ohnmächtig. Auch Frauen auf dem Balkon darüber, die das ganze beobachtet haben, sind ohnmächtig geworden. Insgesamt lässt Schellenberg etwa 1000 Leute durch seinen Laden in den Holzgraben gehen. Auf dem Hof der Post darf Frau Josepha Theben ihm Hand­arbeiten für die Kaiserin überreichen, u.a. einen seidenen Ofenschirm. Derweil schirmen Husaren die Post ab.

14.30 Uhr Abfahrt zum (West-)Hafen.

15.15. Uhr Fahrt zur Savignystraße, zur Großherzogin von Hessen

16 Uhr Zurück in der Post.

16.45 Uhr In der Post empfängt der Kaiser seinen alten Lehrer aus Kassel, Herrn Gymnasialdirektor Dr. Hartwig.

17.15 Uhr Fahrt zum Palmengarten. Wegen des dichten Schneetreibens im geschlossenen Wagen. Der ganze Weg zum Palmengarten ist illuminiert. Banket für 230 Personen im Gesellschaftshaus, das extra zu diesem Anlass erstmals elektrisch beleuchtet wurde. (Man hatte eine Lahmeyer-Dynamo aufgebaut) Es gibt:

-Hühnersuppe mit Sherry

-Krammetvögel im Nest

-Forelle blau mit Muselinsauce und Butter-Rinderlende garniert

-Brustschnitte von Geflügel mit Trüffeln

-Languste mit Kräutersauce

-Fasan gebraten, Salat und Kompottvorbereitet.

-Fürst Pückler Eis    (der Hofmarschall, der die Reise vorbereitet hatte, war ein Graf Pückler)

-Früchte, Nachtisch mit altem Portwein

zu allem: jede Menge erlesener Weine

Wilhelm sagt, die Stadt Frankfurt hätte ihren Aufschwung vor allem seinen Vorfahren und dem Bürgermeister Miquel zu verdanken. Die Rede Wilhelms wurde von dem hinter ihm stehenden Hofstenografen mitgeschrieben.

Die Tischkarten waren nach dem Kaffee von den Kellnern eingesammelt worden, wer sie als Souvenir mit nach Hause nehmen wollte, musste dem Kellner ein Trinkgeld geben.

20.15 Uhr In der Oper

21.30 Uhr die Bahnhofshalle wird geräumt und alles für die Parade, die jetzt innen stattfinden soll, vorbereitet.

22.40 Uhr Der Kaiser im Foyer der Oper. Ein Teeempfang war vorgesehen, aber die Zeit reichte nicht.

23 Uhr Abfahrt zum Bahnhof. Fackelspalier bis zum Bahnhof. Illuminierter Opernplatz. Der starke Wind hatte aber viele der Lichter ausgeblasen. (Auch die Illumination des Triumphbogens war ausgegangen, beim Wiederanzünden hatte ein Arbeiter die Fahnenbezüge in Brand gesetzt zur Rettung des Bogens, mussten alle Bezüge heruntergerissen werden). In schneller Fahrt geht es zum Bahnhof, wo ihm der Liederkranz und der Chor des Lehrervereins ein Abschiedständchen geben. Der Kaiser nimmt im Bahnhof eine Parade ab.

23.15 Uhr Abfahrt

Dienstag Morgen ist der Kaiser wieder in Potsdam eingetroffen.

Der Besuch des Kaisers hat 74.762 Mark 33 Pfennige gekostet. Bewilligt waren nur 60.000. Allein das Festmahl hatte 11.674 Mark und die Dekoration des Festsaales7921,05 M .gekostet. Das Silber und der Tafelaufsatz waren von den Bethmanns und den Rothschilds ausgeliehen worden (Merkelscher T.Aufsatz von Karl v. R.). Im Nachhinein viel Kritik an der Veranstaltung. Viele waren gar nicht eingeladen worden, der englische Konsul war dem Kaiser nicht vorgestellt worden und die Presse fühlte sich sehr zurückgesetzt. Bis zum Donnerstag dürfte dann auch die Frankfurter Bevölkerung den geschmückten Palmengarten besuchen.

 

                            der Triumphbogen an der Kaiserstraße

                               

ob Schellenberg den Zusatz "Kaiser" für sein Geschäft durch seine Rettungstat erhielt, werde ich noch überprüfen

 

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