Alexander Ruhe: 1907 - Der Heiratsschwindler in Frankfurt vor Gericht. August 2020

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Jahre bevor Thomas Mann seinen Hochstapler Felix Krull, an dem Mann seit 1910 geschrieben hatte, in Frankfurt und dann in ganz Europa sein Unwesen treiben ließ, gab es hier einen ganz realen Vorgänger. 1873 als Karl Nuber in Mannheim geboren, begründete der junge Mann und Sohn reicher Eltern, ein eigenes Geschäft, das er aber in einem Konkurs in den Sand setzte. Nuber wechselte nun das Metier als auch den Namen und unter einer Vielzahl solcher reiste er nun durch ganz Europa.

Den Sommer 1903 verbrachte er in einem Sanatorium in Dresden. Dort lernte er eine Wienerin kennen, der er fast 90.000 französische Francs abschwindelte. Für dieses Geld hätte sich die Dame auch 5,3 Kilo Gold kaufen können. In Dresden konnte er nun nicht mehr bleiben, aber es gelang ihm eine Russin, die er ebenfalls im gleichen Sanatorium kennengelernt hatte, dazu zu bewegen, sich mit ihm in Bad Nauheim zu treffen. In diesem schönen Kurbad versprach er ihr die Ehe. Statt mit ihr, ging er nun aber mit 116.000 östereichischen Kronen (24,3 Kilo Gold) ihres Geldes in die USA.

Hier widmete er sich der Perlenfischerei, investierte aber auch viel Geld in ein Erdöl-Konsortium, das aber Konkurs machte und ihn wieder mit fast nichts dastehen ließ.

Als Charles Noel Barnsdall, amerikanischer Plantagenbesitzer und Selfmade-Millionär, kehrte er mit nur wenig Geld im Dezember 1906 nach Deutschland zurück und mietete sich in München in eine Pension ein in der vornehmlich Offiziere logierten. Er gab vor Erdölvorkommen am Alpenrand erschließen zu wollen und lernte darüber das Fräulein S. kennen, die sich weniger für Erdöl, dafür aber umso mehr für ihn interessierte.

Nuber gab jetzt vor geschäftlich nach London reisen zu müssen und das Fräulein S., das auch schon immer einmal nach London hatte fahren wollen, begleitete ihn heimlich. Sie fuhr nach Köln, wo zwei Tage darauf auch Nuber eintraf. Die beiden verlobten sich und geheiratet werden sollte in London oder vielleicht auch in den USA, das wusste man noch nicht so genau. Erstmal sollte es aber zur Schwester der Braut, in die Schweiz gehen, wo der Bräutigam Nuber der Familie vorgestellt werden sollte.

Man machte einen Zwischenstopp in Frankfurt. Nuber war es gelungen das Fräulein S. davon zu überzeugen, dass man ihr auf der Frankfurter Bank angelegtes Vermögen, das aus deutschen Aktien bestand, doch viel besser hier an der Börse in amerikanische Aktien umtauschen solle. Sie gingen auf die Bank, wo sie die Hälfte ihrer Einlagen abhob, insgesamt 63.000 Mark (21,2 Kilo Gold). Da sie keine Tasche dabei hatte, steckte Nuber die 63 Tausendmarkscheine in die Tasche seines Jackets, setzte seine Verlobte in ein Restaurant in der Goethestraße und ging schnell um an der nahen Börse die amerikanischen Aktien zu kaufen.

Als er auch nach Stunden nicht ins Restaurant zurückgekehrt war ging das Fräulein S. zur Polizei, es musste doch etwas schreckliches passiert sein. Da sie sich aber beharrlich weigerte, ihren Verlobten anzuzeigen, ermittelte die Frankfurter Polizei erst mal nicht.

Er hatte sich noch in Frankfurt einen Automobilmantel gekauft, war zum Hauptbahnhof gegangen und von dort, mit einer Autodroschke nach Darmstadt gefahren. Hier nahm er gleich ein weiteres Auto, das ihn nach Zürich bringen sollte. In Heidelberg machte man halt, um zu übernachten. Den Chauffeur schickte er in ein anders Hotel und anstatt zu Bett, ging er gleich zum Bahnhof, um mit dem Nachtzug nach Zürich zu reisen. Als Mr.Charles Gontard aus Philadelphia zog er am 22.April 1907 ins mondäne Grandhotel Belvue. Da er sein Gepäck ja hatte zurücklassen müssen, kleidete er sich ersteinmal komplett neu ein und kaufte dann für 10.000 Franken (etwa 3 Kilo Gold) ein Auto, mit dem er nun nach Gibraltar fahren wollte, um sich von dort in die USA einzuschiffen. Daraus wurde dann aber nichts.

Mittlerweile hatte das Fräulein S. doch Anzeige erstattet und in einem Frankfurter Polizeiblatt erschien Nubers Steckbrief. Dieses Polizeiblatt wurde auch in Zürich gelesen und statt auf große Europarundfahrt, rückte Nuber ins Schweizer Gefängnis an. Vorher hatte er der Züricher Polizei noch vorgegaukelt, er habe am Seeufer des Zürichsees 8000 Mark versteckt. Man brachte ihm auf einem Schiff auf den See. Nuber sprang nun ins Wasser aber auch ein Polizist ihm hinterher. An Deutschland ausgeliefert, wurde Nuber in Frankfurt vor Gericht gestellt und verbrachte die nächsten drei Jahre im Gefängnis.

Aber kaum war der eine weggesperrt, kam schon der nächste Heiratschwindler nach Frankfurt. Der berüchtigte Emanuel Borges, 1907 51 Jahre alt, Sohn eines böhmischen Bankiers, erst Offizier, dann ebenfalls Bankier , wurde er beim illegalen Glückspiel ertappt. Er verlegte sich nun ganz auf Betrügereien und hatte sich schon 1897 in London unter dem Namen "Prinz Borghese" mit einer reichen jungen Britin verlobt, in Budapest sollte geheiratet werden. Zuerst aber ging es nach Paris, wo er sein Familienvermögen abheben wollte. Als ihm dies - wunderlicher weise - nicht ausgehändigt wurde, versetzte die Braut für 30.000 Francs (1,75 kg Gold) ihren Schmuck. Er reiste mit ihr nach Wien, wo er sie um weitere 30.000 Kronen (6,3kg Gold) ärmer sitzen ließ. Aus Zürich schrieb er ihr einen Drohbrief, in dem er ankündigte, er würde diese Geschichte den britischen Zeitungen mitteilen - das wirkte und er blieb unbehelligt.

Er war weitgereist und weltgewand, sprach deutsch und englisch fließend und "die Damen entzückte sein zierlicher Fuß und seine wohlgepflegte Hand", wie man 1898 in einer Zeitung lesen konnte.

 Er verlegte jetzt sein Arbeitsfeld in die USA , wo er ebenfalls heiratswillige Damen um ihr Vermögen brachte und 1898 beinahe eine internationale diplomatische Krise auslöste, indem er als "Baron Egloffstein", Geheim-Abgesandter der deutschen Regierung auftrat. Ein Krieg zwischen Russland und Japan stehe kurz vor dem Ausbruch und 500 deutsche Offiziere, die schon unterwegs in die USA seien, sollten auf geheimen Wegen von der amerikanischen Ost- an die Westküste gebracht werden, damit sie in Japan Militärberater werden könnten. Dafür, dass er für diese Geheimreise die Great Central Pacific Railway in Betracht zog, bezog er von deren Direktor eine Provision von 500 Dollar (750 Gramm Gold). Er ging jetzt in die Niederlande, wo er, der Harvardprofessor Dr. Franz von Berger sich mit dem Fräulein Helene verlobte. Man reiste nach England, wo er sie auch heiratete, aber sofort danach mit ihrer Barschaft von knapp 550 Pfund (4,1 Kilo Gold) verschwand. Er ging zurück in die USA, wo er 1901 aber verhaftet und an Großbritannien ausgeliefert wurde,  wo er wegen seiner Betrügereien ein paar Jahre im Zuchthaus mit Zwangsarbeit verbrachte. Er selbst erzählte über diese Zeit seiner Abwesenheit, er sei Erzieher eines russischen Prinzen geworden und ins Exil nach Sibirien geschickt worden. 

Im Frühjahr 1907 kam er wieder frei und verlegte sich wieder aufs Heiratschwindeln. Er ging als "Mr. Vanderbilt nach Berlin, wo er eine Dame um einen weiteren hohen Betrag erleichterte. Im Juli kam er nach Frankfurt, wo er sich als Professor Mony, Leiter eines literarischen Büros in Paris, Doktor der Philosophie und Inhaber etlicher Orden ausgab. Er lernte hier eine 40 Jahre alte Dame aus Düsseldorf kennen, mit der er sich verlobte. Man reiste gemeinsam nach Brüssel, wo Borges angeblich zu tun hätte. Auf dem Weg machte man in Düsseldorf halt, wo die Dame von ihrem Bankkonto 2000 Mark (etwa 700 Gramm Gold) abhob und ihm anvertraute. Kaum in Brüssel angekommen, ließ er sie im Hotel sitzen und reiste nach München, wo er als Schriftsteller von Brandt weitere Betrügereien verübte. Die Düsseldorfer Verlobte hatte 24 Stunden auf Borges gewartet, dann aber im Hotel erfahren, das er schon abgereist sei. Sie wandt sich an die Frankfurter Polizei, die Borges in München ausfindig machte und verhaften ließ. In der kurzen Zeit, die er in München gehabt hatte, war es ihm wieder gelungen sich zu verloben und seiner Braut schon mal 400 Mark abzuschwindeln.

Im Mai 1908 stand er in München vor Gericht. Nachdem er erst einmal einige seiner Betrügereien zugegeben hatte und beteuerte, er hätte alle diese Frauen geliebt, erlitt er einen Ohnmachtsanfall und die Sitzung musste vertagt werden. Am nächsten Verhandlungstag wurde er, auf einer Bahre liegend, den Kopf wirr zur Seite hängen lassend, in den Gerichtssaal getragen. Ein Arzt bescheinigte ihm, er würde nur simulieren und das Gericht verurteilte ihn zu sieben Jahren Gefängnis. In Paris war er in Abwesenheit zu zusätzlichen 5 Jahren und in Dresden zu einem Jahr verurteilt worden, außerdem verlangte man aus Prag und aus Genf seine Auslieferung.

 

 

 

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