Alexander Ruhe: Drei Frankfurter Schwestern. Die Blumenmalerin Elisabeth Schultz . Januar 2019

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Am 12.Mai des Hungerjahres 1817, wurde der Familie des - ursprünglich aus Speyer stammenden - Weinhändlers Karl Heinrich Schultz ein Nesthäkchen geboren, die kleine Elisabeth Johanna Friederike. Das dieses Jahr ein Hungerjahr war, mag auf Karl Schultz' Familie nur bedingt zugetroffen haben, denn er war ein durchaus reicher Weinhändler und Kunstsammler und wohnte mit seiner Familie in der damals noch neuen und schicken Schönen Aussicht am Main.

Vor ihr waren schon ihre älteren Schwestern Marie (geb. 1804) und Emilie (geb.1805) geboren worden, mit denen sie für den Rest ihres Lebens eine Einheit bilden sollte.

Durch die Kunstsammlung des Vaters war sie schon früh für die Kunst sensibilisiert worden und schon in der Grundschule (Katharinenschule) war man auf ihr zeichnerisches Talent aufmerksam geworden. Mit ihrer Mutter Katharina und mit deren älteren Freundin, dem Fräulein Mosche hingegen, unternahm die kleine Elisabeth ausgedehnte Spaziergänge in der Umgebung Frankfurts, wo ihr Interesse schon früh auf die vielen unterschiedlichen Pflanzen und Vögel fiel, mit denen vor allem das Fräulein Mosche sich auskannte. Fasziniert von Pflanzen und Tieren, beschloss sie nun schon als junges Mädchen, alle wildwachsenden Pflanzen (ohne Pilze und Flechten), die um Frankfurt herum wuchsen, zu malen und sie malte!

Bedingt durch unglücklich verlaufene Geschäfte, musste der Vater Ende der 1820er Jahre sein Geschäft und Teile seiner Sammlung aufgeben und verdingte sich in der Folge als ein - nur mäßig bezahlter - Frankfurter Beamter. Durch die plötzlich fehlenden Mittel, war es dem Vater jetzt nicht mehr möglich, Elisabeth die gleiche, fundierte Ausbildung zukommen zu lassen, die ihre Schwestern erhalten hatten (und die ihnen ermöglicht hatte als Erzieherinnen zu arbeiten). Elisabeth kam statt dessen 1829 auf das Beck'sche Institut in Frankfurt. Hier sorgte sie für Furore, indem sie sich weigerte, Blumen nach stilisiertem Schema zu malen, wie das ihrem Alter nach im Lehrplan stand, Elisabeth wollte nach der Natur malen. Sie setzte sich durch und schon mit 14 Jahren übernahm sie den Zeichenunterricht der jüngeren Mädchen, womit sie einen Teil ihres eigenen Schulgeldes erwirtschaftete. Trotz der eingeschränkten Mittel, war es dem Vater aber doch möglich gewesen, sie 1835/36 für zwei Jahre nach Genf zu schicken, wo sie Französisch lernen sollte aber auch malte, jetzt eben Alpenblumen.

Zurückgekehrt nach Frankfurt, starb nachdem die Mutter schon 1833 gestorben war, auch der Vater. Elisabeth gelang es aber die vakant gewordene Stelle der Zeichenlehrerin am Beck'schen Institut zu übernehmen. Dieses Institut schloss aber Mitte der 1840er und Elisabeth verlegte sich - bis zum Ende ihres Lebens - auf Zeichenunterricht für junge Damen, den sie jetzt in ihrer privaten Wohnung gab.

In diese Wohnung in der Neuen Rothofstraße 15, war sie 1843 mit ihren Schwestern Marie und Emilie gezogen. Emilie "führte ein Geschäft" (einen Kurzwarenladen auf dem Roßmarkt), während die augenleidende Marie den Haushalt führte und Elisabeth malte und gelegentlich auch einmal ein Blumenstilleben verkaufen konnte (einige ihrer Stilleben kamen in den - neu erfundenen - Kunstdruck und fanden sich bald in vielen Frankfurter Haushalten). Während Marie den Haushalt führte und auch malte, durchstreiften Emilie und Elisabeth häufig das Frankfurter Umland und suchten nach noch ungemalten Pflanzen und Elisabeths "Frankfurter Flora" wuchs und wuchs. Häufig wurden Pflanzen von ihr auch mehrfach gemalt, wenn sie ein noch schöneres Exemplar fand. Erst im Alter von 77 Jahren beendete sie ihre Flora. Sie hatte insgesamt fast 1300 verschiedene Pflanzen gemalt, von denen etliche heute in unserer Gegend gar nicht mehr vorkommen, weshalb Elisabeth Schultz' Flora bis heute eine Quelle für Botaniker ist.

Elisabeth Schultz, gemalt 1880 von ihrer Schülerin Marie Schultze

Finanziell taten sich die Schwestern eher schwer und so musste ab und zu eines der verbliebenen Werke der Kustsammlung des Vaters verkauft werden. allerdings taten die drei das nur sehr ungern und häufiger, als dass sie verkauften, entschieden sie sich im letzten Moment, das Kunstwerk doch zu behalten. Erst als 1892 mit Marie die letzte ihrer beiden Schwestern gestorben war, war es für Elisabeth überhaupt denkbar geworden, auch den Rubens: Heilige Familie mit dem Papagei zu verkaufen. Ein Sammler bot ihr für das Werk 10.000 Mark (dafür musste ein Arbeiter 10 Jahre, ein Beamter im mittleren Dienst 4 Jahre arbeiten). Im letzten Moment entschied sie sich aber gegen den Verkauf und vermachte das Werk später der Stadt Frankfurt, wo ein städtisch bestellter Schätzer dann feststellte, dass es sich hierbei bloß um eine der zahlreichen Kopien des Originals handelte. Hätten die drei Frauen das nur gewusst!

Anläßlich ihres 80.Geburtstages wurde Elisabeth - als erste Frau überhaupt - außerordentliches Ehrenmitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, der sie nach ihrem Tode am 26.September 1898, dann auch ihre Flora vermachte, mit der Auflage, "dass die Bilder ab und zu gezeigt werden mögen.", was auch geschieht, zuletzt 2007 und 2009.

 

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