Alexander Ruhe: 1946 - Die amerikanischen GIs wollen heim - Sturm auf das IG-Farben Haus. August 2025

Ein Artikel aus der Reihe: Frankfurter Zeitungs-Archäologie

Als am 29.März 1945 die amerikanischen Streitkräfte Frankfurt besetzten, besetzten sie das unzerstört gebliebene Verwaltungsgebäude der IG-Farben Industrie gleich mit und in der Folge entwickelte sich das Haus zum "Europäischen Pentagon". Im Juni schunkelten hier der sowjetische Marschall Schukow und der ehemalige Generalstaatsanwalt und spätere Außenminister Wyschinki zu Jazz-Beats, während eine amerikanische Bomberflotte von 1500 Flugzeugen über das Haus donnerte, im September wurde hier das Land Hessen gegründet und es ging allgemein aufwärts in den Frieden. So dachten zumindest die etwa drei Millionen amerikanischen Soldaten, die noch in Europa standen und meinten, es sei jetzt wohl an der Zeit, wieder in die USA zu ihren Familien zurückkehren zu dürfen.

Dieser Meinung war die amerikanische Regierung aber nicht, keinesfalls wollte man dieses Millionenheer von kampfgestählten Veteranen durch wesentlich weniger, ungeübte Rekruten ersetzen, während die sowjetische Armee direkt hinter der Besatungszonengrenze lag und die Neuordnung Europas noch keineswegs geregelt war. Und es rumorte in der amerikanischen Armee.

Als es auch auf den Philippinen, auf Hawaii und in Korea zu Massenprotesten der dortigen GIs gekommen war, versammelten sich im Januar 1946 Soldatenvertreter aus 50 US-Standorten Europas in Frankfurt und forderten ihre Entlassung. Als auf einer Versammlung am 09. Januar die offiziellen Armeevertreter den Namen des Kriegsministers Patersson auch nur erwähnten, wurde dieser  ausgebuht und 5000 wütende Soldaten formierten sich zu einem Demonstrationszug, ausgehend vom WAC-Circle (etwa dort wo sich heute das Polizeipräsidium am Alleenring befindet), hin zum IG-Farbenhaus. Als sich ihnen dort der Kommandant des Wachkommandos entgegenstellte, wurde dieser verprügelt und man war drauf und dran, das Hauptquartier der amerikanischen Truppen zu stürmen. Eilig hatte man aber 40 Fallschirmjäger herangezogen, die sich mit ihren Gewehren vor dem Eingang des Hauses und auf dem Balkon über diesem Eingang postierten und ihre Waffen anlegten. Die 5000 kampferprobten Veteranen zogen sich nun zurück und in der Folge wurde auch niemand bestraft, wenn auch der amerikanische Präsident Truman allen Teilnehmern an künftigen Meutereien das Standrecht androhte.

Früher als eigentlich geplant wurden die Veteranen jetzt aber nach Hause geholt und durch schnell ausgebildete Rekruten ersetzt, die dann am 08.Mai 1946 die Frankfurter ob ihres sehr unmilitärischen Auftretens anläßlich einer Militärparade durch die Stadt zum ersten Jahrestag der deutschen Kapitulation, sehr in Erstaunen setzten. Aber schon im Juli  - zum amerikanischen Unabhängigkeitstag - hat man diese Parade wiederholt, 48 Kanonen Salut schießen lassen und auch gleich französische, britische und russische Offiziere eingeladen, denen hatte man wohl zeigen wollen, dass man es noch kann.

 

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