Alexander Ruhe: Unterartikel zu: 1914 - Touristen
gestrandet in Frankfurt. Die Leser-Reisen des Journal d'Allemagne.
April 2026
Ein Artikel aus der Reihe:
Frankfurter
Zeitungs-Archäologie

1914 war Deutschland auch für Franzosen ein attraktives
Reiseland und dieser Markt wurde auch bedient, nicht zuletzt von den
Leser-Reisen des Journal d'Allemagne.
Das Journal war eine seit 1910 in Berlin erscheinende
französischsprachige Zeitung, herausgegeben von
Rudolf Heymann (geb. 1875 in
Berlin gest.1944 KZ-Dachau), ein nichtoffiziöses Organ, das sich der
Völkerverständigung verpflichtet sah, aber durchaus auch gewinnorientiert
war. Fing man an mit Schüleraustausch-Reisen, wurde das Angebot bald
breiter und man ließ deutsche Gruppen "All-inclusive" durch Frankreich und
französische Gruppen durch Deutschland reisen. Diese Angebote schlugen ein,
wie eine Bombe; für günstiges Geld konnte man eine sichere Reise ins
"Feindesland" unternehmen. Günstiges Geld damals, heute ist Reisen ungleich
günstiger geworden. Für diese All-Inclusive-Reise von einer Woche zahlte ein
Franzose in der ersten Klasse ca. 200,-Mark, dafür hätte er sich auch knapp
60 Gramm Gold kaufen können und ein durchschnittlicher Arbeiter musste dafür
fünf bis sechs Wochen arbeiten. Der Deutsche, der die entgegengesetzte Reise
unternahm, kam interessanter Weise mit 170,-Mark um etwa 20 Prozent billiger
davon. Bei einer der ersten dieser Reisen wurden im August 1912 etwa 2.000
französische Touristen (zum Schnäppchenpreis von ca.80,-Mark für acht Tage)
gleichzeitig nach Berlin geschafft.

die Franzosen bei ihrer Ankunft 1912 in Berlin
Das diese Reisen Reisen ins Feindesland waren, mussten dann spätestens
die Franzosen feststellen, die die oben beworbene 11.
Frankreich-Deutschland-Reise gebucht hatten. Die Deutschen, die im Juni 1914
die unten beworbene 15.Reise Deutschland-Frankreich gebucht hatten, hatten
diese sicherlich auch noch antreten können, für die Franzosen aber, die am
30.August in Berlin hatten ankommen sollen und am 04.September in Frankfurt
zu einer Stadtführung erwartet wurden, hätten nach ihrer Fahrt auf dem Rhein
und der Besichtigung des Kölner Doms am 06.September auf der Rückfahrt nach
Paris das Schlachtfeld der Marneschlacht durchqueren müssen - nicht gut!
Aber sie hatten Glück, statt für die Dauer des Krieges in ein deutsches
Internierungslager einzurücken, verloren sie nur ihr Geld.

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